Erfolgsregisseurin Caroline Link ist mit der Tragikomödie „Der Junge muss an die frische Luft“ im Kino. Das Drehbuch schrieb Ruth Toma nach einer Vorlage von Hape Kerkeling.
Recklinghausen, Anfang der 1970er: Der 7-jährige Hans-Peter Kerkeling (Julius Weckauf) erlebt Umzug, Schulwechsel, Krankheit und Tod seiner Mutter (Luise Heyer), die Erziehung durch die Großeltern (Joachim Król, Hedi Kriegeskotte, Rudolf Kowalski, Ursula Werner) und hat wenig vom Vater (Sönke Möhring), der oft auf Montage ist. Hans-Peter entdeckt seine Begabung, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und sein Umfeld zu begeistern.
Der mit viel Liebe zum Detail ausgestattete Film zieht das Publikum effektvoll fast 50 Jahre in die Vergangenheit. Möbel, Kleidung, Autos und der Wechsel von Schwarzweiß- zu Farbfernseher bestimmen das Ambiente. Mit der Arbeit der versierten Kamerafrau Judith Kaufmann bekommt das Publikum Bilder, die mit Licht, Schatten, Abstand und Blickwinkel den Ausdruck der Schauspieler insbesondere durch die zahlreichen Nahaufnahmen hervorragend einfangen. Auch bei anderen aktuellen Filmen unter Mitwirkung von Judith Kaufmann lässt sich dies beobachten („Draußen in meinem Kopf“, „Elser- Er hätte die Welt verändert“).
Die Kindheit empfindet jeder Mensch anders. Caroline Link zeigt überwiegend die Perspektive des Jungen und weicht nur selten - zur weiteren Zeichnung der Charaktere - davon ab. Die oscarprämierte Regisseurin („Nirgendwo in Afrika“, 2001) lässt in zahlreichen Einstellungen mit entsprechender musikalischer Begleitung von Stammkomponist Niki Reiser eine herzliche Atmosphäre entstehen und verpflechtet darin aufkommende und sich zuspitzende Schwierigkeiten, welche aufwühlende Momente nach sich ziehen. Ihr gelingt es, für die ca. vier Jahre umfassende Erzählzeit eine positiv verbrachte Kindheit hervorzuheben. Dass die Figuren dadurch ein wenig zu nett wirken und sehr ordentlich mit Ruhrpottkolorit gespielt wird, darf gerne der Komödie und der Sicht des Jungen zugeschrieben werden und bleibt den ganzen Film über erfreulich gleichmäßig.
Caroline Link verleiht ihren Akteuren in schlüssig gestalteten Rollen eine starke Strahlkraft. Das macht ihre Filme so bewegend. Hier ist es vor allem Julius Weckauf, der unglaublich begeistert, aber auch die anderen erfahrenen Stars des deutschen Fernsehens und Kinos sind faszinierend.
Mit „Der Junge muss an die frische Luft“ ist ein mitreißend berührendes Werk entstanden, das nach 100 Minuten Spielzeit viel zu schnell vorbei und zum Mitweinen schön ist.