Sie glauben an Engel, Herr Drowak?
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

Sehnsucht, Schnaps und Surrealismus

Von Christoph Petersen

Als der Protagonist aus dem Fenster seines Plattenbaus schaut, erspäht er ein Auto, das ohne ersichtlichen Grund über den Rand eines Daches fliegt und in das Gebäude gegenüber kracht. So was gibt es eigentlich nur bei „Fast & Furious“ (speziell in der Zombie-Wagen-Sequenz in Teil 8) – oder eben im Surrealismus: Mit „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ liefert Nicolas Steiner nach mehreren dokumentarischen Kinoarbeiten („Above And Below“) seinen ersten Langspielfilm ab – fliegendes Auto inklusive.

Aber wie es bei Debüts so oft der Fall ist, stopft auch der Schweizer Filmemacher so viel hinein, dass die Ambitionen irgendwann ins Selbstverliebte kippen. Zumal die Geschichte im Zentrum so viel stärker ist als der austauschbare Amtsschimmel-Surrealismus drumherum. Nach dem 100. Todestag von Franz Kafka standen die Chancen ohnehin schlecht, in diesem hinlänglich abgegrasten Segment noch etwas Originelles zu finden – und tatsächlich kann daran nicht einmal der völlig freidrehende Lars Eidinger als Ananas-attackierender Amtsleiter etwas ändern.

Grandios zusammen: Karl Markovics als grummeliger Titelheld und Luna Wedler als seine unbeirrbare Schreibtrainerin.   X-Filme
Grandios zusammen: Karl Markovics als grummeliger Titelheld und Luna Wedler als seine unbeirrbare Schreibtrainerin.

Hugo Drowak (Karl Markovics) ist kein Messi im klassischen Sinne, denn die leeren Schnapsflaschen, die einen Großteil der Fläche seiner kleinen Wohnung einnehmen, sind fein säuberlich aufgereiht. Auch auf die Ankunft der Beamten, die ihn rausschmeißen wollen, ist der überzeugte Misanthrop bestens vorbereitet: Auf dem Fensterbrett stehen mit Urin gefüllte Luftballonbomben zum Abwurf bereit! Aber jetzt bleibt nur noch eine Chance, nicht auf der Straße zu landen: Der Amtsleiter (Lars Eidinger) hat ein Programm gestartet, bei dem Unruhestifter*innen mit Kreativ-Kursen auf den rechten Pfad zurückgeführt werden sollen.

Die Idee dahinter: Wer beim Malen einer Blumenwiese in Tränen ausbricht, ist anschließend ein besserer Mensch! Aber wo die Kurse zu Schauspiel oder Gesang gut besucht sind, hat sich für „Literatur“ nur Hugo angemeldet. So kann sich Lena (Luna Wedler) voll auf ihren Schüler konzentrieren: Ganz egal, wie sehr er sie bei ihren Besuchen beleidigt – die Sozialarbeiterin besteht konsequent auf ihren Schreibübungen, bei denen es etwa darum geht, was Angst oder Freude bereitet. Für Hugo ist die Sache klar: Die Abwesenheit von Alkohol wäre der Horror – und die Abwesenheit von Menschen ein Grund zum Jubilieren…

Ein (sehr) seltsames Paar

Rüstige Griesgrame, die durch die Begegnung mit jungen Menschen ihre Lebensfreude wiedererlangen, sind – von „Ziemlich beste Freunde“ über „St. Vincent“ bis „Ein Mann namens Otto“ – eine sichere Bank im Arthouse-Segment. Aber wer angesichts des Plots mit derartigen Erwartungen ins Kino geht, wird dort sein blaues – bzw. gestochen schwarz-weißes – Wunder erleben: „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ besitzt ganz sicher gewisse Feelgood-Qualitäten – und das schrankenlose Drauflospoltern von Hugo hat ebenfalls einen großen Unterhaltungswert. Aber darüber hinaus bewegt sich der Film vornehmlich in den Gefilden des surrealistischen Experimentalkinos.

Normalerweise hat das zur Folge, dass sich die Zahl der potenziell interessierten Zuschauer*innen zwar massiv reduziert, aber dafür in den Kritiken der eine oder andere Stern mehr herausspringt. Aber bei „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ ist genau jener Teil am besten, der so sicherlich auch in einem typischeren Arthouse-Titel gut funktioniert hätte: Karl Markovics („Die Fälscher“) und Luna Wedler („22 Bahnen“) harmonieren als ungleiches Paar perfekt miteinander. Und wenn Hugo erstmals eine seiner Schreibübungen (zum Thema „Sehnsucht“) vorliest, bekommt man beim Zuhören regelrecht Gänsehaut – obwohl es in der Erzählung darum geht, wie der Teufel den Erdball ins Universum kickt.

In den Rückblenden erfahren wir nicht nur, warum Hugo so grummelig ist, es kommt plötzlich auch Farbe in die Sache… X-Filme
In den Rückblenden erfahren wir nicht nur, warum Hugo so grummelig ist, es kommt plötzlich auch Farbe in die Sache…

Doch das ist eben nur der halbe Film. Auf die (zu) stolze Laufzeit von 127 Minuten kommt „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ vor allem durch seine ständigen Surrealismus-Einsprengsel: Wir sehen den Amtsleiter in seinem Geschäftszimmer beim Mini-Billard oder beim Öffnen einer Ananas, wo das Messer nach den ersten gescheiterten Versuchen durch ein Beil ersetzt wird. Dazu sitzen die Störenfried-Zwillinge, die aus dem Chor geflogen sind, auf einem Holzregal im Treppenhaus, wo sie als Strafe das Stockwerk ansagen müssen – und das, obwohl außer Lena sowieso alle den viel zu kleinen Fahrstuhl nehmen. Neben schmelzenden Uhren gibt es eben nichts, was sich für eine Surrealismus-Behandlung so sehr anbietet wie das (deutsche) Beamtentum.

Aber in „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ gibt es kaum etwas, das wir nicht schon überzeugender bei Kafka oder der ikonischen Passierschein-A38-Sequenz aus „Asterix erobert Rom“ gesehen haben. Der zu kleine Lift erinnert unterdessen an „Being John Malkovich“, das Nachbarsmädchen zitiert im Grundschulalter plötzlich Pablo Neruda. Währenddessen arbeitet der Amtsleiter vor einem Bild mit der Windmühle aus „Don Quijote“, und auch die Besetzung von Dominique Pinon, dem Star der modernen Surrealismus-Klassiker „Delicatessen“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“, ist sicherlich kein Zufall. Für sich alles schön und gut, aber zusammen wirkt es irgendwann beliebig und überladen. Surrealismus sollte kein Freifahrtschein sein, einfach irgendwas zu machen.

Fazit: Im Kern steckt – auch dank des fantastisch aufgelegten Schauspielduos Luna Wedler und Karl Markovics – ein richtig starker Film, der jedoch immer wieder in einem surrealistischen Einheitsbrei unterzugehen droht.

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