[…]Jonathan Glazers „Under the Skin“ klingt wie die männermordende Sil aus „Species“ auf Schottland-Tournee, ist von einem herkömmlichen Body Snatching-SciFi-Horror aber weiter entfernt, als Scarlett Johansson von einer Nichtplatzierung unter den Top 100 der Sexiest Women Alive. Und ebenso ist dieser Film an sich von Fragen nach seiner Güte und seinen Qualitäten und seiner Rolle im kulturellen Gemenge zwischen Kunstwerk und Herkömmlichkeitskost vollkommen loszulösen. Wie bei einem David Lynch kann man nur erfühlen, höchstens interpretieren, nicht aber verstehen, was die langen dialoglosen Passagen aussagen sollen, was einem da in den ersten Minuten entgegen treibt, ein Blick in die tiefste Schwärze, phallische Bewegungen, aus Dunkelheit, Formen und Licht entsteht ein Auge und ein Körper, die Transformation eines Alienorganismus in eine menschliche Gestalt oder was ist da los, während die Tonspur kreischt und sirrt und kreischt… „Under the Skin“ ist ein Erfahrungsfilm, den man am nächsten Morgen unmöglich jemandem verbal beibringen kann, der ihn nicht selbst erlebt hat. Eine Isolations-Parabel, ein sexuemotionales Auf- und Ausbrechen aus einer vorgegebenen Form und Verpflichtung, das Erforschen von Verführung und Verführbarkeit, des rein äußerlichen Reizes über einem konturlosen, empfindungslosen Inneren, abgespalten von Fürsorge, Mitleid, einem Gedanken von Pluralität.[…]Das physio-amorphe Wesen erlebt unerwartet eine Mensch- und Frauwerdung, wie ein Glyzerin entzünden sich unter der Scarlett-Hülle Neugierde und ein Körperbewusstsein, das ihr Äußeres nicht mehr nur einsetzt, sondern seine Reize zu erforschen und zu verstehen beginnt, Scham entdeckt und sexuelle Gewalt kennenlernt. Jonathan Glazer fasst das in ein visuelles Gewand, das mit den Augen nicht gänzlich zu erfassen und mit dem Verstand allein nicht zu begreifen ist, „Under the Skin“ muss erfühlt werden, wenn man sich denn darauf einlassen kann. Dazu gehören Stimmungsbilder, die kratzen und zerren, schleifen und sich festkrallen, es gehört dazu, dass der Film bedrückt und zermürbt, dass er in seinen Surrealitäten abstößt, dass er eine Strapaze ist. Alles keine Begriffe, mit denen der Casualgucker einen gelungenen Film synonymisert. „Under the Skin“ zu erleben heißt Mühe durchlitten, nicht Erholung genossen zu haben. Ob man dabei am Ende etwas gewonnen oder nur zwei Stunden Zeit verloren hat – das muss jeder selbst entscheiden…[…]