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    Bonnard, Pierre And Marthe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Bonnard, Pierre And Marthe

    Schöne Bilder, wenig Drama!

    Von Gaby Sikorski

    Vincent van Gogh und Paul Gauguin sind nicht nur die bekanntesten spät-impressionistischen Maler, die den Expressionismus und damit die gesamte moderne Kunst prägten, sie waren auch miteinander befreundet. Ihre dramatischen Lebensgeschichten wurden bereits in zahlreichen Filmbiografien verewigt, darunter in „Vincent van Gogh – ein Leben in Leidenschaft“ (1956) mit Kirk Douglas als van Gogh und Anthony Quinn als Gauguin oder erst kürzlich in „Loving Vincent“ (2017) – ein faszinierender Animationsfilm, ganz im Stil van Goghs. Zeitlebens hatten beide Maler Geldprobleme. Das war um die Wende zum 20. Jahrhundert herum beinahe üblich, besonders wenn die betreffenden Künstler*innen gewisse Vorbehalte gegen aktuelle Moderichtungen hatten und nur wenige Bilder verkaufen konnten. Für ihren unverwechselbaren Stil wurden sie vor allem posthum gefeiert, ihre Bilder sind heute unbezahlbar. Doch van Gogh und Gauguin waren nicht nur arm und stilbildend, sie wurden zu Vorbildern für viele andere zeitgenössische Kunstschaffende, die im Gegensatz zu ihnen manchmal sehr wohl sehr erfolgreich waren.

    Einer von ihnen war Pierre Bonnard, ein französischer Maler, der von seiner Kunst nicht nur leben konnte, sondern damit richtig wohlhabend wurde. Dies gelang ihm, weil er sich nicht auf die Malerei beschränkte, sondern auch mit Plakaten, Buchillustrationen und Gebrauchsgrafik Geld verdiente, was ihn zusätzlich bekannt machte. Das Biopic „Bonnard, Pierre And Marthe“ über Pierre Bonnard (Vincent Macaigne) und seine Muse, Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Marthe de Meligny (Cécile de France) erzählt von ihrem gemeinsamen Leben. Dabei geht es weniger um Bonnards Künstlerlaufbahn als Maler farbenfroher, häufig doppelsinniger Gemälde, sondern vor allem um ihre gemeinsame Beziehung und um den Einfluss, den Marthe als sein Lieblingsmodell und Quelle der Inspiration auf ihn hatte. Die Handlung des Films spannt einen großen Bogen über nahezu 50 Jahre – so lange waren die beiden zusammen: eine Liebesgeschichte und gleichzeitig die Künstlerbiografie zweier begabter Menschen, denn auch Marthe malte in ihren späteren Jahren.

    Memento Distribution
    Pierre Bonnard (Vincent Macaigne) und seine Musa Marthe de Meligny (Cécile de France) waren mehr als ein halbes Jahrhundert lang ein Paar.

    Der Film von Martin Provost („Ein Kuss von Beatrice“) erzählt die Geschichte dieser Beziehung und versucht dabei, und zwar gelegentlich sehr bemüht, beiden Persönlichkeiten gleichermaßen gerecht zu werden. Mit seinem in Frankreich hochdekorierten Malerin-Biopic „Séraphine“ hat Provost 2007 schon einmal gezeigt, wie man mit Raffinesse und Feingefühl ein Künstlerleben in wunderbare Bilder verpacken kann. Auch hier ist die Bildsprache, besonders das Spiel von Licht und Schatten, von exquisiter Schönheit und Eleganz – und damit ein perfekter Spiegel von Bonnards Werken. Der Maler selbst ist aber bei Provost ein eher unauffälliger Zeitgenosse oder anders gesagt: ziemlich langweilig. In Wahrheit war er wohl ein Womanizer par excellence, dem praktisch sämtliche Frauen zu Füßen lagen. Jedoch erhält Vincent Macaigne („Tagebuch einer Pariser Affäre“) hier kaum die Gelegenheit, sich als Schürzenjäger zu präsentieren.

    Im Film ist zwar zu sehen, dass Bonnard von Frauen umschwärmt wird, auch und gerade aus der High Society – was nebenbei dem Verkauf seiner Bilder extrem genützt hat –, aber seine angebliche Anziehungskraft ist nur schwer nachvollziehbar. Sie wird mehr behauptet als gezeigt. Dieser Bonnard bleibt eher passiv und daher relativ unoriginell, obwohl der Maler als einer der letzten Vertreter der guten alten französischen Bohème galt – dem Inbegriff von Idealismus, Sorglosigkeit und Intellektualität bei gleichzeitiger Ablehnung aller Konventionen, eine Art Hippiepunk des beginnenden 20. Jahrhunderts. Macaigne macht ihn sympathisch, er gibt ihm zu Beginn einen welpenhaften Jungmännercharme und ein bisschen Temperament, aber damit hat sich’s auch schon. Vielleicht fehlte es an Mut, Bonnard so zu zeigen, wie er womöglich wirklich war: als Frauenheld, der nichts anbrennen ließ und hinter jedem Rock her war. Diese Art der Darstellung hätte der Beziehung zu Marthe ein dramatischeres Gewicht gegeben, denn sie blieb ja bei ihm, obwohl sie von seinen – in der Realität wohl ständigen – Frauengeschichten wusste.

    Halbnackte vor hübscher Landschaft

    Im Film verläuft die Beziehung zwischen den beiden über weite Strecken relativ konfliktfrei, und das sorgt trotz der schönen Bilder und der gelungenen Kostüme für eine gewisse Langatmigkeit. Zu Beginn gibt es ein paar Mini-Krisen, weil Marthe sich in den Bohème-Kreisen unwohl fühlt, aber ansonsten ist alles schön. Die beiden Liebenden springen gern mal halb oder auch ganz nackt durch die schön fotografierte Landschaft, sie lieben sich praktisch ständig und überall – sind auch ein durchaus hübsches Paar, und das über so viele Jahre … aber da wird’s dann schon mal etwas eintönig.

    Die größte – und praktisch einzige – Krise im Film ist die Affäre mit seinem Modell Renée Monchaty (Stacy Martin, die durch „Nymphomaniac“ von Lars von Trier bekannt wurde). Bonnard malt sie häufig und will sie schließlich sogar heiraten. Das ruft dann Marthe auf den Plan, die dafür sorgt, dass Pierre Renée verlässt und die meisten Bilder vernichtet, auf denen die Nebenbuhlerin zu sehen ist. Nach 30 Jahren wilder Ehe heiraten Marthe und Pierre schließlich. Im Film endet Pierres Affäre mit Renée relativ abrupt. Aber es passiert endlich mal was! Schade eigentlich, dass hier nicht die Dreiecksbeziehung Pierre, Marthe und Renée im Mittelpunkt steht …

    Memento Distribution
    Zumindest an schönen Bildern mangelt es „Bonnard, Pierre and Marthe“ zumindest nicht.

    Cécile de France („Verlorene Illusionen“) hat als Marthe im Grund die interessantere Rolle, spielt aber die weniger bedeutende Persönlichkeit – ein Widerspruch, den der Film nicht auflösen kann und der vielleicht mit dafür verantwortlich ist, dass Martin Provosts Interpretation dieser Langzeit-Künstlerliebe nicht so richtig überzeugt. Marthe hat Geheimnisse, das könnte ganz spannend sein, einige verbirgt sie sogar vor Pierre, wie ihren wirklichen Namen und ihre Herkunft. Sie hat offenbar auch psychische, generell gesundheitliche Probleme, die gleich zu Beginn auftauchen und bleiben. Aber 50 Jahre sind eine lange Zeit, und der Film unternimmt keine Versuche, etwas daraus zu machen, Marthes Geheimnisse zu interpretieren, geschweige denn zu lösen.

    Im Gegenteil: Die Persönlichkeit der Marthe findet im Film kaum statt, sie bleibt unscharf – so wie fast immer auch das Gesicht der Marthe de Maligny auf den vielen, oft intimen Porträts, die Pierre mit ihr als Modell gemalt hat. Aber damit wird sie auch kleiner gemacht, als sie es verdient hätte. Marthes eigene künstlerische Tätigkeit wird zur Episode. Da geht es nicht um Konkurrenz oder Unterdrückung wie in „Camille Claudel“ mit Isabel Adjani und Gérard Depardieu über die Beziehung zwischen Auguste Rodin und seiner Schülerin. Mit diesem legendären, leidenschaftlichen Liebesmelodram kann sich „Bonnard, Pierre And Marthe“ schlicht nicht messen.

    Fazit: Schöne Bilder sind nicht alles! Ein bisschen mehr Drama, Liebe, Wahnsinn wären hilfreich gewesen in der Künstlerbiografie um den Maler Pierre Bonnard und seine späte Ehefrau Marthe. Pierre Bonnards Umgang mit leuchtenden Farben mag von van Gogh und Gauguin beeinflusst worden sein – sein Leben verlief aber in geordneteren und damit deutlich langweiligeren Bahnen. Merke: Dauerhafter Erfolg und Wohlstand sowie persönliches Glück sind als Grundlage für eine spannende Geschichte eher weniger geeignet.

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