Alejandro González Iñárritu ist knapp vier Jahre nach seinem Drama „Biutiful“ (2011) mit einem neuen Film in den deutschen Kinos vertreten: „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosogkeit)“ ist 9-fach für den Oscar nominiert.
Riggan Thomson (Michael Keaton) war als Darsteller des Superhelden Birdman ein Leinwandstar. Viele Jahre später versucht er sich als Theaterregisseur am Broadway und weiß kurz vor der Premiere nicht, wo ihm der Kopf steht: Ein Schauspieler fällt aus. Der neue - Mike Shiner (Edward Norton) - ist zwar viel talentierter, aber unberechenbar und kostet mehr Geld, das nicht zur Verfügung steht. Riggan‘s Familie ist kaputt. Ex-Frau Sylvia (Amy Ryan) macht ungelegene Überraschungsbesuche, Tochter Sam (Emma Stone) hilft am Theater, ist aber labil. Die neue Lebensgefährtin Laura (Andrea Riseborough) eröffnet Riggan, dass sie schwanger ist. Wie passend, dass er in seinem Theaterstück die Hauptrolle mit Selbstmordszene spielt. Nur der imaginäre Birdman steht ihm noch zur Seite.
Iñárritu ist ein Meister des Dramas mit einfallsreicher Inszenierung. Für „21 Gramm“ und „Babel“ wählte er eine geschickte Verschachtelung mehrerer Handlungsstränge, die das Publikum begeisterte. Die beiden Filme sind schonungslos real und berührend, „Biutiful“ noch härter und dagegen straight erzählt.
Sein neues Werk geht handwerklich und darstellerisch einen anderen Weg: Die Intensität des Dramas ist etwas geringer, eher psychisch wie physisch unendlich zwickmühlenartig mit einem sich windenden Riggan. Die Schlinge um seinen Hals ist schon eng und zieht sich immer weiter zu. Der mexikanische Regisseur und sein Chefkameramann Emmanuel Lubezki („The Tree of Life“, „Gravity“) lassen das Publikum nicht zur Ruhe kommen. Dies liegt zum einen daran, dass ständig etwas passiert, und zum anderen, dass der Film mit einer One-Shot-Technologie aufgenommen wurde. Scheinbar ohne Schnitt ist die Kamera immer in Bewegung, umkreist die Figuren der Szene und folgt ihnen durch die Räume und verwinkelten Gänge des Theaters, haftet jedoch nicht ständig an Riggan. Für den ständigen Fluss der auditiven Kommunikation sorgt der geniale Drum-Score von Antonio Sanchez.
Der Plot ist - für Iñárritu ungewöhnlich - mit einer kräftigen Prise natürlichem Humor ausgestattet, der gerne mal ins sarkastische fällt, z.B. wenn es um andere Leinwandhelden geht, die Riesengagen für wenig Leistung bekommen. Hier werden existierende Schauspieler genannt, um eine Verbindung zur Wirklichkeit zu knüpfen. Ganz speziell wurde mit Journalisten und Kritikern abgerechnet, denn diese werden als dumme und engstirnige Gestalten dargestellt.
Dann gibt es die mit vortrefflicher Gewichtung eingepflegten surrealen Einflüsse: Birdman ist oft in Riggans Nähe und spricht ihm mit einer tief grollenden Stimme Mut zu. Riggan hat seine Superkräfte nicht verloren, verfügt über telekinetische Fähigkeiten (wichtig für Wutausbrüche) und Flugeigenschaften. Nicht selten wird für das Publikum mit entwaffnender Komik offenbart, dass sich diese stimmungsvollen Sequenzen im Kopf der Hauptfigur abspielen. Und doch ist nicht immer klar, was mit Riggan tatsächlich geschieht; auch das ist ein Geniestreich.
Wenn die Story erst mal läuft, dann fühlt sich der Cast für den Kinogänger gut an. Tatsächlich ist der Film für ein gelingendes Gesamtes auf starke Schauspieler angewiesen und er hat sie bekommen. Es findet schließlich Theater im Theater statt, Kamera immer in der Nähe. Keine Zeit für Landschaftsaufnahmen. Broadway, Broadway, Broadway. Die Bretter, die die Welt bedeuten und so viele Nerven kosten. Wie ein Gefangener mittendrin ein unglaublicher Michael Keaton, der majestätisch tragisch handelt.
„Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist die unbeschreibliche Komposition aus Erzählfluss, Musik, schicksalhaften Besonderheiten und Darstellungskraft.