In „Atemlos nach Florida“ wird keine Zeit verschwendet! Innerhalb der ersten 87 Sekunden fällt eine Haushälterin in Ohnmacht, rennt eine Dame panisch durchs Bild, schmeißt sich ein Mann zeternd in einen Anzug und tritt eine gefesselte, geknebelte Frau eine Tür ein. Daraufhin drosselt der Film sein Tempo – aber nur dezent!
Es folgen Verwechslungen, Lügen und mehr Anzüglichkeiten als auf eine beschmierte Klotür passen, bevor die letzten 87 Sekunden wieder hektischen, brüllend komischen und tolldreisten Wahnsinn bieten. Das sorgte einst für Stress mit den US-Moralhütern, machte den Film aber zum gefeierten Klassiker. Jetzt endlich wird er im deutschen Heimkino in angemessener Form präsentiert: Diese Woche feierte „Atemlos nach Florida“ seine deutsche Blu-ray-Premiere!
"Atemlos nach Florida", mittellos raus aus New York!
Nach fünf Jahren Ehe kriselt es beim New Yorker Paar Gerry (Claudette Colbert) & Tom (Joel McCrea): Das Geld wird knapp und Tom schon ungehalten, wenn Gerry erzählt, dass sie in der Badewanne vom Würstchenkönig besucht wurde (es war anders als es klingt)! Darum beschließt Gerry, nach Palm Beach abzuhauen, sich scheiden zu lassen und einen Millionär zu heiraten. Kurz darauf ist sie von freundlichen, aber anstrengend-kauzigen Männern mit dicken Geldbörsen umzingelt.
Erst der schwerreiche, musikalisch begabte John D. Hackensacker III (Rudy Vallée) gefällt Gerry so richtig – doch dann platzt Tom herein, den sie kurzerhand als ihren besorgten Bruder vorstellt. Er spielt das Spiel mit. Denn er kann Gerry ja nicht einfach so blamieren! Und schon verknallt sich Hackensackers heißblütige Schwester, die wohlhabende und charmante Prinzessin Centimillia (Mary Astor), in den überforderten Tom...
Beliebtes Liebeschaos von einem gefeierten Filmemacher
Inszeniert und geschrieben wurde „Atemlos nach Florida“ von Preston Sturges, seines Zeichens Erfinder des kussfesten Lippenstifts. Außerdem war er ein einflussreicher Komödienmacher, den unter anderem Wes Anderson, Joel & Ethan Coen, „Ferris macht blau“-Regisseur John Hughes und Peter Bogdanovich als Vorbild bezeichneten.
Ein weiterer, glühender Fan ist Quentin Tarantino, der mehrmals verdeutlichte, wie sehr er Sturges' Schaffen feiert – unter anderem aufgrund seiner rasanten, geschliffenen und markanten Dialoge. Konsequenterweise nahm Tarantino mehrfach Sturges-Filme ins handverlesene Programm seines New Beverly Cinema in Los Angeles auf – darunter selbstredend „Atemlos nach Florida“.
Außerdem befand Tarantino 2015 gegenüber der GQ: „Wenn ich so darüber nachdenke: Preston Sturges ist ein besserer Autor als all die [anderen] Typen, die [den Oscar] gewonnen haben.“ Tarantinos allerliebster Lieblingsfilm von Sturges ist übrigens die spritzig-zynische Screwball-Komödie „Die Ungetreue“ über einen Dirigenten mit mörderischen Gedanken:
Andere Filmverrückte stellen dagegen „Atemlos nach Florida“ an erste Stelle in Sturges' Schaffen: Die BBC kürte den Klassiker zu einer der besten Komödien der Kinogeschichte. Die National Society Of Film Critics wählte die ruhelose Komödie in die Top 100 der besten Filme aller Zeiten, TV Guide positionierte sie einst sogar in den Top 50. Und Filmexperte Steve Jay Schneider nahm „Atemlos nach Florida“ 16 Ausgaben lang ins Standardwerk „1001 Movies You Must See Before You Die“* auf!
Mit Eleganz (und im Eiltempo) versaut
Der Weg zum finalen Film war jedoch lang und steinig. Denn die damals tätige, mächtige Hollywood-Zensur hatte zahlreiche Probleme mit Prestons Plänen. Selbst der ursprünglich anvisierte Titel, „Is Marriage Neccessary?“, galt als zu riskant, da er das heilige Konzept der Ehe in Frage stelle. Es kam auch bei der Überprüfung des Drehbuchs zum langen Tauziehen zwischen Sturges und der Zensur:
Die Vielzahl und Deutlichkeit an anzüglichen Handlungen, sexuellen Doppeldeutigkeiten und Situationen, die einen freizügigen Lebensstil gutheißen, waren der Zensur zu viel. Erst nach vielen Anpassungen konnte der Dreh beginnen – und selbst trotz einiger Kompromisse wurde „Atemlos nach Florida“ eine ebenso spritzig-spaßige wie provokante Komödie. Wenn Gerry von freundlichen Würstchen spricht oder einem Mann anbietet, ihm ins Gesicht zu schreiten, ist das extrem gewagt für 1942 – und immer noch irre komisch.
Denn Colbert strahlt ein warm-freudiges Glühen aus, durch das die Doppeldeutigkeiten stilvoll-raffiniert, statt plump und vulgär rüberkommen. Die ansteckende Spielfreude des restlichen Casts und McCreas beschwingte Schlacksigkeit kommen noch dazu – fertig ist eine vergnüglich überschäumende, frivol-galante Komödie über einen menschgewordenen Sack Flöhe.
Und falls ihr danach von Tarantino abgesegnete Filmtipps aus dem alten Hollywood braucht, in denen es nicht ganz so turbulent zugeht, solltet ihr den nächsten Artikel lesen:
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