Dieser Kriegsfilm ist ein fast 10 (!) Stunden langes Meisterwerk: Er gilt als absoluter Meilenstein der Kinogeschichte!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Nicht nur aufgrund seiner Laufzeit ist dieser Klassiker ungewöhnlich: „Barfuß durch die Hölle“ ist ein Meilenstein in der japanischen Kinogeschichte und wahlweise eine der stärksten Trilogien aller Zeiten oder ein einzigartiger Kriegs-Monumentalfilm.

Bei manchen Produktionen besteht viel eher Uneinigkeit darüber, wie sie zu kategorisieren sind, als über ihre Qualität. „Kill Bill“ zählt dazu: Die Mehrheit der Filmfans und der Fachpresse feiert die blutige Hommage an Martial Arts, Anime, Auftragskiller-Thriller und Italo-Western als Meisterstreich. Doch während Regisseur Quentin Tarantino das Rache-Epos als einzelnen Film zählt, wird es von vielen Portalen und Fans als Zweiteiler aufgefasst.

Ein weiteres, unvergessliches Paradebeispiel für solch einen Grenzfall ist „Barfuß durch die Hölle“: Die Romanadaption feierte ihre Premiere von 1959 bis 1961 in drei Teile gesplittet, weshalb sie oft als Trilogie kategorisiert wird. Da die Parts jedoch in einem Rutsch produziert wurden und eine zusammenhängende Geschichte erzählen, wird „Barfuß durch die Hölle“ in vielen cineastischen Standardwerken als ein einzelnes Werk präsentiert.

Doch egal, ob diese japanische Mammutproduktion über die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges nun eine Trilogie oder ein fast zehn Stunden langer Film ist – eines ist klar: Masaki Kobayashis ebenso humanistische wie zermürbende Regiearbeit gilt als beklemmendes, beispielloses Meisterwerk.

Darum geht es in "Barfuß durch die Hölle"

Japan während des Zweiten Weltkriegs: Kaji (Tatsuya Nakadai) ist ein von der ungewissen Zukunft eingeschüchteter Intellektueller. Nach der Hochzeit mit seiner Angebeteten Michiko (Michiyo Aratama) zieht er trotzdem in die japanisch kolonisierte Mandschurei, wo der Pazifist die Aufgabe erhält, über chinesische Strafarbeiter zu wachen.

Weil er deren Arbeitsbedingungen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, zettelt er in verzweifelt-naiver Hoffnung einen Zwist mit seinen Vorgesetzten und dem gesamten bürokratischen Apparat an, um menschlichere Zustände durchzudrücken. Dadurch macht Kaji sich mächtige Feinde, die ihn foltern und dafür sorgen, dass er in die Kwantung-Armee eingezogen wird.

Einerseits glänzt er dort dank seiner Sorgfaltspflicht, andererseits macht er sich aufgrund seiner antimilitaristischen Überzeugungen einmal mehr Feinde. Kaji muss großes Leid mitansehen, wird an die Grenzen seiner ethischen Vorstellungen gedrängt und hat sich gegen die Widrigkeiten der Natur sowie verschiedener politischer Ideologien durchzusetzen...

Ein Filmstoff, in das leidvolle Erfahrungen geflossen sind

Obwohl „Barfuß durch die Hölle“ auf einem sechs Bände umfassenden Mammutwerk des Schriftstellers Gomikawa Jumpei basiert, fußt der Film zugleich auf Erfahrungen des Regisseurs Masaki Kobayashi. Er wurde, ähnlich wie Kaji, zum Militärdienst eingezogen, kämpfte in der Mandschurei gegen die Sowjetunion, und landete letztlich in Kriegsgefangenschaft – wenngleich in amerikanischer, nicht wie Kaji in sowjetischer.

Kobayashi ließ seine Erfahrungen in die „Barfuß durch die Hölle“-Drehbücher einfließen, die er gemeinsam mit Matsuyama Zenzō (im Falle des ersten und zweiten Teils) und Kōichi Inagaki (im Falle des dritten Parts) verfasste. Zudem orientierte sich Nakadai in seiner Darstellung Kajis partiell an Kobayashi.

Während Kobayashi auf erzählerischer und emotionaler Ebene für eine fesselnde, vielschichtige Authentizität sorgte, musste er in anderen Aspekten Kompromisse eingehen. Beispielsweise konnte so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an Originalschauplätzen gedreht werden, weshalb die Mandschurei durch Kobayashis Heimatregion Hokkaido gedoubelt wurde. Außerdem spielt im gesamten Film nicht eine einzige Person mit, die aus China stammt:

Die chinesischen Parts wurden von japanischen Schauspieltalenten übernommen, die ihren Text phonetisch lernten. Bemühungen für akkurates Casting wurden gar nicht erst übernommen, weil die Filmschaffenden überzeugt waren, dass niemand aus China in einem japanischen Film mitspielen wollen würde – erst recht nicht, wenn es darin um den Krieg geht.

Ein großer Klassiker

Derartigen Kompromissen zum Trotz wurde „Barfuß durch die Hölle“ hervorragend aufgenommen. Es gab in Japan zwar anfängliche Skepsis und kleinere, kontroverse Debatten angesichts des kritischen Umgangs mit dem Handeln des eigenen Militärs. Doch schlussendlich wurde der Film (respektive die Trilogie) zu einem Publikumsmagneten, der zugleich die Filmpresse begeisterte.

So ist „Barfuß durch die Hölle“ die bestbewertete Trilogie auf der Filmfanplattform Letterboxd, befindet sich in der FILMSTARTS-Rangliste der besten Kriegsfilme aller Zeiten und wurde von Filmhistoriker David Shipman in seinem Standardwerk „The Story Of Cinema“ zum „zweifelsfrei besten Film, der jemals gemacht wurde“ ernannt.

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