Eine KI als Richter, Jury & Henker!
Von Christoph PetersenIhm bleiben nur exakt 90 Minuten, um eine KI von seiner Unschuld zu überzeugen – sonst wird er noch an Ort und Stelle hingerichtet! Bei dieser prägnanten Ein-Satz-Prämisse ist es kein Wunder, dass „Mercy“ von den Amazon-Verantwortlichen grünes Licht bekommen hat – zumal „Wanted“-Regisseur Timur Bekmambetov mit Chris Pratt („Jurassic World“) einen der weiterhin populärsten Actionschauspieler des Planeten in der Hauptrolle besetzen konnte. Trotzdem ist „Mercy“ kein herkömmlicher Blockbuster – und das liegt nicht nur daran, dass der sonst so körperlich agierende „Guardians Of The Galaxy“-Star die meiste Zeit über an einen Stuhl gefesselt ist. Vielmehr hebt Bekmambetov das sogenannte Screenlife-Genre, das er in den vergangenen 15 Jahren selbst maßgeblich geprägt hat, mit „Mercy“ zumindest technisch auf ein neues Level.
In von Bekmambetov produzierten Filmen wie „Unknown User“, „Searching“ oder „Missing“ spielt sich (fast) die komplette Handlung ausschließlich auf Bildschirmen ab. Der Filmemacher selbst vertritt die Meinung: Wenn wir im wahren Leben ein Drittel unserer wachen Lebenszeit auf Bildschirme starren, dann muss man das auch im Kino abbilden! Als Publikum sehen wir also, wie Protagonist*innen auf ihrem Computer oder Handy Videos schauen, Telefonate führen, nach Informationen googeln. Gerade die künstliche Einschränkung, dass man plötzlich nicht mehr einfach alles zeigen kann, sondern nur noch das, was sich auch auf einem Bildschirm darstellen lässt, sorgt im besten Fall für eine Extraportion Thrill! In „Mercy“ schauen wir hingegen nicht mehr auf Bildschirme, wie wir sie von zu Hause kennen – sondern auf den visuellen Ausstoß einer nahezu omnipotenten KI. Das ist Segen und Fluch zugleich.
Sony Pictures / Amazon
Der Polizeiermittler Chris Raven (Chris Pratt) erwacht an einen Stuhl gefesselt im Gerichtssaal des titelgebenden Mercy-Programms. Dort ist er allein mit der KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson), die nach Ablauf eines exakt 90-minütigen Countdowns darüber entscheiden wird, ob der Angeklagte mit einem elektrischen Stoß exekutiert wird. Eingeführt wurde das „Mercy“-Programm einst, um mit der schnellen Verurteilung und Hinrichtung von Straftäter*innen für Abschreckung im verbrechensgeplagten Los Angeles zu sorgen – mit der KI als Richter, Jury und Henker in Personalunion!
Ironischerweise war es damals Chris selbst, der den ersten potenziellen Mörder geschnappt und auf die Anklagebank verfrachtet hat, auf der er nun selbst festsitzt: Im wutgetriebenen Alkoholrausch soll er seine Ehefrau (Annabelle Wallis) im gemeinsamen Heim brutal niedergestochen haben – und weil bis zum Eintreffen seiner Tochter (Kylie Rogers) sonst niemand am Tatort war, gibt es auch keine weiteren Verdächtigen. Es ist der 19. Fall, der im Rahmen der „Mercy“-Initiative verhandelt wird – und Chris weiß natürlich ganz genau, dass die bisherigen 18 Anklagen allesamt mit einem Schuldspruch und sofortiger Exekution geendet sind…
War es bisher gerade das Konzept der Screenlife-Filme, dass man auf einen platten Bildschirm starrt, erinnert die Darstellung in „Mercy“ eher an eine Augmented Reality: Wenn Chris die Tatortberichte oder Social-Media-Fußabdrücke von Verdächtigen nach entlastenden Beweisen durchforstet, kann die KI die verschiedenen Bildelemente im ganzen Raum um den Angeklagten herum anordnen – oder diesen sogar direkt in das Geschehen der abgespielten Videos hineinversetzen. Damit ist „Mercy“ der erste Film dieser Art, der nicht nur für eine große Leinwand, sondern sogar speziell für IMAX-Megascreens konzipiert ist – und tatsächlich balanciert der Film mit den ständig überall aufpoppenden Fenstern konstant auf dem schmalen Grat zur totalen Überforderung.
„Mercy“ rast regelrecht durch die Gerichtsverhandlung samt den parallel stattfindenden Ermittlungen, wenn Chris etwa seiner Kollegin (Kali Reis) aufträgt, für ihn gewisse Spuren in der realen Welt weiterzuverfolgen. Dank ihres mit Videokameras ausgestatteten Quadrocopters kommt sie überall in der Stadt schnell hin, sodass faktisch jedes Bild im Gerichtssaal erzeugt werden kann – und damit fallen dann auch all die Beschränkungen weg, die das Screenlife-Genre sonst mit sich bringt. Das ist schon schade, denn es war ja gerade deshalb so spannend, John Cho bei der Suche nach seiner verschwundenen Tochter in „Searching“ zu begleiten, weil er nicht sofort an jede Information herankommen konnte. In „Mercy“ müssen nun hingegen ominöse Serverausfälle bemüht werden, um gewisse Hinweise zumindest ein paar Minuten lang zurückzuhalten.
Sony Pictures / Amazon
Im Zentrum von „Mercy“ steht die Frage, ob (und wie) es sein kann, dass Chris zwar als Einziger im Haus war, aber trotzdem seine Frau nicht umgebracht hat. Solche Krimis nach dem Locked-Room-Prinzip sind sind nicht nur dank „Knives Out 3“ aktuell wieder schwer angesagt – und die Auflösung in „Mercy“ ist zwar nicht gerade bahnbrechend, aber doch voll okay und zweckdienlich (inklusive eines explosiven Showdowns, der dann doch noch die üblichen Blockbuster-Schauwerte mit sich bringt). Was hingegen weit weniger stimmig wirkt (und mitunter Logiklöcher so groß wie Scheunentore reißt), ist das Verhalten der KI selbst. So wird zum Beispiel ständig angezeigt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit angesichts der aktuellen Faktenlage ist, dass Chris die Tat begangen hat. Sein Ziel ist es, diese unter 92,5 Prozent zu bringen, um wegen „vernünftiger Zweifel“ freigesprochen zu werden.
Aber die Veränderungen der Prozentzahlen wirken selten logisch, sondern eher den Anforderungen des Handlungsverlaufs geschuldet. Dabei sollte die KI doch gerade die kalte Logik repräsentieren. Für Rebecca Ferguson war das sicherlich auch kein einfacher Job, auf der einen Seite die kühl-rechnende KI zu personifizieren, zugleich aber auch einen höchst menschlichen Zweifel durchscheinen zu lassen. Die „Dune“-Mimin macht das insgesamt sicherlich nicht schlecht, aber das Drehbuch leistet sich einfach zu viele Ungenauigkeiten, um eine in sich komplett stimmige Darstellung zu ermöglichen. Damit schlägt sie sich aber trotzdem besser als viele der Nebendarsteller*innen, die mit ihren wahnsinnig hölzernen Performances die Authentizität der in den Gerichtssaal übertragenen Livestreams torpedieren. Eine positive Überraschung ist so nur Chris Pratt, der sich allein auf seine Mimik zurückgeworfen deutlich besser schlägt, als man es im Vorfeld womöglich erwarten durfte.
Fazit: Ein Film wie das 90-minütige Scrollen durch einen TikTok-Feed. Allein aufgrund des halsbrecherischen Tempos ist „Mercy“ immer mitreißend, selbst wenn nicht alles unbedingt Sinn ergibt und man sich hinterher womöglich auch ein Stück weit leer fühlt.