Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Der lustigste deutsche Film seit Jahren

Von Kamil Moll

„Versuch mal, mit den Brustwarzen zu lächeln“, rät die Dozentin (Karoline Herfurth) dem frischgebackenen Schauspielschüler Joachim (Bruno Alexander), der sich bei der gemeinsamen Körperübung mit seinen Kommiliton*innen so gar nicht entspannen kann. Während alle mühelos auf die Anweisungen anspringen und sie spielerisch umsetzen, kann er nicht aus sich heraus. Wie soll das denn auch aussehen, sich beispielsweise vorzustellen, eine Nudel zu sein, die in einem heißen Topf weichgekocht wird? „Los, ich habe Hunger“, ruft die Dozentin ihnen zu. Aber Joachim bleibt erst mal bestenfalls bissfest. Mit 20 Jahren wird Joachim zu Beginn von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München angenommen.

Der Protagonist zieht aus einer von seinem Vater geführten psychiatrischen Klinik in Schleswig-Holstein in die majestätische Villa seiner Großeltern am Rande des Nymphenburger Parks, lässt also mit einer Bahnfahrt Richtung Süden die langen Jahre seiner Kindheit hinter sich. Die Figur Joachim ist dabei das Alter Ego des Bühnenschauspielers Joachim Meyerhoff, der seit 2007 in einer fortlaufenden Romanreihe namens „Alle Toten fliegen hoch“ autofiktional und ohne feste Chronologie über prägende Etappen seines Lebens schreibt. Nachdem 2023 bereits die Verfilmung „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ erschien, adaptiert Simon Verhoeven nun den dritten Band. Beide Filme teilen sich dabei die Darsteller*innen von Joachims Eltern (Devid Striesow und Laura Tonke), sie spielen also im selben MCU (das Meyerhoff Cinematic Universe).

Joachim (Bruno Alexander) erlebt an der Schauspielschule eine Menge – und vieles davon ist für das Publikum urkomisch… Warner Bros.
Joachim (Bruno Alexander) erlebt an der Schauspielschule eine Menge – und vieles davon ist für das Publikum urkomisch…

Die Welt der Schauspielschule ist neu und zunächst unverständlich, das Reich der Großeltern scheint eigentlich altbekannt und wirkt trotzdem geheimnisvoll: Am Morgen beginnen sie den Tag mit einem Glas Champagner, das die Einnahme zahlreicher Medikamente erleichtern soll. Großvater Herman (Michael Wittenborn) genehmigt sich jede Tablette einzeln, während Großmutter Inge (Senta Berger) sie alle in einem Rutsch herunterstürzt: „Die wissen schon, wohin sie sollen.“ Ihr gemeinsamer Alltag ist bestimmt von kuriosen, jahrzehntelang penibel eingehaltenen Ritualen und Aktivitäten, denen auch das fortgeschrittene Alter nur geringfügig etwas anhaben kann. Machen die Gelenke des Großvaters bei der Gymnastik in der Frühe beispielsweise mal nicht mit, steht er bewegungslos auf dem Balkon und turnt stattdessen einfach innerlich.

Mit viel Gespür und Feinsinn für das Komische, aber niemals wirklich Lächerliche eines entlang von extravaganten Regeln geführten Alltags widmet Simon Verhoeven („Alter weißer Mann“) dem neuen Zusammenleben Joachims mit seinen Großeltern vor allem in der ersten Hälfte viel Zeit. Liebevoll fährt die Kamera immer wieder Regale und Tische in der Villa ab, verliert sich manchmal geradezu in der liebevoll detaillierten Ausstattung des Hauses, um dann wieder elegant zu den Großeltern zurückzufinden, die sich Schlag 18 Uhr einen Whiskey mit Zigarette gönnen und später betrunken aushandeln müssen, wer als Erstes den Treppenlift ins Obergeschoss besteigen soll.

Effi Briest – aber als Nilpferd

Auch der Großmutter stand mal eine große Schauspielkarriere am Theater bevor, die durch einen schwerwiegenden, in einem verkürzten Bein resultierenden Unfall vereitelt wurde. Geblieben ist ihr aber der Sinn fürs Melodramatische, die große, gut sichtbare Geste, die sie sich stattdessen über Jahre im Alltag erhalten hat: ein laut ausgeseufztes „Moooah!“, wenn sie die alljährliche, im Handel längst verbotene Schildkrötensuppe auslöffelt. Joachims verzweifelte Versuche, das Probejahr an der Schauspielschule zu überstehen, spiegeln so auch ihren Lebensweg. Was ihm innerhalb zahlreicher Seminare und Theaterproben an der Uni widerfährt, ist hingegen nicht so sehr tragisch, sondern vor allem irrsinnig komisch.

Mehrere bekannte Gaststars schenken dem Film in kleinen Nebenrollen brillant ausgespielte Pointen, die „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ in dieser Hinsicht zur wahrscheinlich lustigsten deutschen Komödie der letzten Jahre machen: Sei es Tom Schilling als mit Vokuhila-Haarschnitt gehandicappter Regieassistent, der den Schauspielschüler*innen nahelegt, die Statistenrollen als Hexen in „Faust“ betont „sexgeil“ zu spielen („Du fickst jetzt den Baum!“). Oder die wunderbare Victoria Trauttmansdorff, deren Gesangsunterricht Joachim zu einer begnadet brüchigen Performance von Soft Cells Hit „Tainted Love“ treibt. Spätestens wenn in einem von Anne Ratte-Polle geleiteten Kurs die Teilnehmer gezwungen werden, berühmte Monologe der deutschen Literatur in Tierform darzubieten und Joachim „Effi Briest“ als Nilpferd aufführt, besitzt der Film eine komödiantische Verve, die im deutschen Kino zuletzt seinesgleichen suchte.

Als Großeltern verleihen Michael Wittenborn und Senta Berger dem Film eine großartige verschmitzt-melancholische Note! Warner Bros.
Als Großeltern verleihen Michael Wittenborn und Senta Berger dem Film eine großartige verschmitzt-melancholische Note!

Niemals hätte seine Frau freiwillig ein Nilpferd gegeben, sagt der Großvater schnaubend. Aber sie sei zumindest mal ein Kolibri in Göttingen gewesen, erwidert darauf die Großmutter. Seinen Titel entlehnt „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“: Wenn sich das, was man werden möchte, nicht mit dem deckt, wie man lebt, entsteht ein mit Sehnsucht erfüllter Leerraum. Während dieser bei Joachim im Verlauf seines Probejahrs immer kleiner wird, ist die Welt der von Krankheit gezeichneten Großeltern immer mehr im Verschwinden begriffen.

Beides, die sich öffnenden Verlockungen der Jugend und die Rückschläge des Alters, erzählt Simon Verhoeven mit meisterlicher Balance zwischen brachialer Komik und melancholischer Schwermut – und trifft dabei stets den richtigen Ton. Auch das Leben seiner eigenen Familie ist in den Film hineingewebt: Die Rolle der Großmutter wird von seiner Mutter Senta Berger gespielt, das Plakat eines Films seines Vaters, des 2024 verstorbenen Regisseurs Michael Verhoeven, schmückt in der schönsten Szene die Fassade des Münchner Theatiner-Kinos. Nach diesem Meisterwerk bleibt zu hoffen, dass Verhoeven im Anschluss auch gleich noch den einen oder anderen Band von Joachim Meyerhoffs Romanzyklus verfilmen wird.

Fazit: Mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gelingt Simon Verhoeven eine hinreißend komische und zugleich melancholische Tragikomödie über jugendliche Selbstfindung. Zwischen absurdesten Schauspielschul-Exzessen und dem liebevoll-skurrilen Alltag zweier vom Alter gezeichneter Großeltern entfaltet der Film eine große erzählerische Präzision, getragen von pointierten Nebenrollen, einer präzisen Ausstattung und sicherem Timing. Verhoeven hält die Balance zwischen Klamauk und sanfter Traurigkeit souverän und schafft so eine der lustigsten deutschen Komödien der letzten Jahre – warmherzig, klug und emotional überraschend tief!

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