Anders als in vielen westlichen Ländern wurde der Comic im weitesten Sinne in Asien schon immer als Kunstform betrachtet. Einer der wichtigsten Vorreiter dessen, was später zu Mangas und Animes werden sollte, war der Maler und Zeichner Katsushika Hokusai (1760-1849). Sein Farbholzschnitt „Die große Welle von Kanagawa“ mit dem schneebedeckten Gipfel des Fuji im Hinter- und einem Fischerboot im Vordergrund, zählt zu den berühmtesten Bildern Japans und wird auch in Keiichi Haras Animationsfilm „Miss Hokusai“ zitiert. Wie der Titel schon andeutet, ist dies nicht einfach ein Biopic über Hokusai selbst, vielmehr geht es vor allem um dessen Tochter O-Ei. Die war selbst Künstlerin, stand jedoch stets im Schatten des populären Vaters, was auch daran liegt, dass sie als Frau in der traditionell-chauvinistischen japanischen Gesellschaft kaum ernstgenommen wurde und wird. Hara sorgt mit seiner schön gestalteten Verfilmung des Mangas von Hinako Sugiura dafür, dass Katsushika O-Ei und ihre Kunst nun auch im Kino gewürdigt werden.
Die Hokusais lebten und arbeiteten Mitte des 19. Jahrhundert im damaligen Edo, dem heutigen Tokio. Es ist wenig Konkretes über sie bekannt, was der Mangaautorin Sugiura und auch der Drehbuchautorin Miho Maruo („Karafuro – Colorful“) viel erzählerische Freiheit lässt. So flechten sie Vermutungen ein, dass O-Ei möglicherweise O-Ei manche Bilder geschaffen hat, die ihrem ungleich berühmteren Vater zugeschrieben werden. Das ist unabhängig von der schwer zu überblickenden Faktenlage ein aufschlussreicher Gedanke und trägt wesentlich zum überzeugenden Porträt einer modernen Frau bei: O-Ei will ihre Unabhängigkeit nicht verlieren, lehnt eine arrangierte Heirat ab und widmet sich lieber der Kunst. Von der wird sie genau wie ihr Vater regelrecht beflügelt, was Hara in einigen wunderbaren Momenten visualisiert, in denen Zeichnungen gleichsam zum Leben erwachen, Drachen plötzlich über den Holzhäusern des alten Edo schweben, Realität und Fantasie ineinanderfließen. In diesen ausdrucksstarken Sequenzen deutet sich die ganze Kraft der japanischen Zeichenkunst an.
Fazit: Der Animationsfilm „Miss Hokusai“ ist weniger eine faktische Biografie eines der bedeutendsten Künstler Japans und seiner Tochter als vielmehr eine poetische Fantasie über Kunst, Leben, Inspiration und die Rolle der Frau.