Club Kid
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Club Kid

"Kokowääh" mit Ketamin

Von Christoph Petersen

1987 fanden die überzeugten Junggesellen Tom Selleck, Steve Guttenberg und Ted Danson ein Baby vor der Tür ihrer New Yorker Penthouse-Wohnung – und landeten mit „Noch drei Männer, noch ein Baby“ den fünferfolgreichsten US-Kinohit des Jahres sogar noch vor „Lethal Weapon“ und „Predator“. 24 Jahre später schaffte es dann Til Schweiger mit einem ganz ähnlichen Plot und mehr als 4,3 Millionen verkauften Tickets für „Kokowääh“ sogar auf das Treppchen der deutschen Jahrescharts. Und natürlich sind das längst nicht die einzigen Beispiele für Filme, in denen sich eine auf den ersten Blick möglichst ungeeignete Person plötzlich um ein Kind kümmern muss, von dem in vielen Fällen noch nicht einmal bekannt war, dass es überhaupt existiert. Auch der Stand-up-Komiker Jordan Firstman bedient sich bei seinem Debüt als Regisseur und Autor dieses ausgiebig erprobten Story-Konstrukts, das bislang vor allem im Genre der Boulevard-Komödie immer wieder zuverlässig-kassentaugliche Dienste geleistet hat.

Trotzdem ist „Club Kid“ alles andere als eine manipulative Tränenzieher-Hochglanzkomödie. Stattdessen legt der während der Corona-Lockdowns zum Social-Media-Star avancierte Firstman in jeder Hinsicht erstaunliche Ambitionen an den Tag: Nicht nur wurde auf analogem 35mm-Material gedreht, sondern teilweise auch auf Original-Locations der queeren New Yorker Underground-Szene zurückgegriffen. Das Ergebnis ist ein ungemein roher Gute-Laune-Film – ein vermeintlicher Widerspruch, den „Club Kid“ dermaßen stimmig auflöst, dass es nach der Weltpremiere beim Filmfestival in Cannes erst begeisterte Standing Ovations und dann einen etliche Hollywoodstudios und Streamingservices einschließenden Bieterwettstreit gab. Das Label „Wohlfühlfilm des Jahres“ lässt sich aus Sicht von Kinoliebhaber*innen sicherlich auch als Beleidigung verstehen – aber bei „Club Kid“ werden wirklich alle, egal mit welchen Ansprüchen sie in den Abend starten, in den schallenden Applaus einstimmen.

Peter (Jordan Firstman) ist eine Legende in der New Yorker Sex-und-Drogen-Party-Szene. Aber zu einem perfekten Vater macht ihn das wohl eher nicht, oder? DCM
Peter (Jordan Firstman) ist eine Legende in der New Yorker Sex-und-Drogen-Party-Szene. Aber zu einem perfekten Vater macht ihn das wohl eher nicht, oder?

In der bitterbösen Social-Media-Satire „Rotting In The Sun“ hat Jordan Firstman, der während der Covid-Pandemie mit Videos voll bissig-präziser Alltagsbeobachtungen auf Instagram und TikTok durchgestartet ist, eine überhöhte Version von sich selbst gespielt – unsimulierter Oralverkehr samt Gruppen-Sex inklusive. In „Club Kid“ gibt es nun zwar keinen realen Sex mehr vor der Kamera, aber die Authentizität des Szenelebens ist geblieben: Gemeinsam mit seiner Businesspartnerin Sophie (Cara Delevingne) veranstaltet Peter (Jordan Firstman) die besten Partys im Big Apple, die auch deshalb so beliebt beim diversen Publikum sind, weil zwischen den Elektrobeats nicht nur eine sexpositive Alles-geht-Attitüde herrscht, sondern Peter höchstpersönlich bei jeder Line Koks oder Ketamin zuverlässig mitschnupft – wie es sich für einen guten Gastgeber eben gehört.

Aber dann folgt der angedeutete „Kokowääh“-Knacks – und zwar in diesem Fall mit einer düsteren Note: Vor zehn Jahren hatte der homosexuelle Peter ein einziges Mal Sex mit einer Frau, wie immer völlig zugedröhnt bei einem spontanen Dreier auf einer seiner Feiern – und jetzt steht plötzlich die Britin Edison (Kirby Howell-Baptiste) mit einem kleinen Jungen vor der Tür: Arlo (Reggie Absolom) sei sein Sohn – und weil sich dessen Mutter vor wenigen Tagen das Leben genommen hat und der Stiefvater ein gewalttätiges Arschloch ist, soll sich jetzt gefälligst Peter um das Kind kümmern. Von einem Tag auf den anderen muss der dauerzugedröhnte Party-König also seinen kompletten hedonistischen Lebensstil auf den Kopf stellen – und selbst wenn ihm das gelingt, heißt das noch lange nicht, dass er seinen weiterhin in Großbritannien gemeldeten Sohn einfach so behalten darf …

Es dauert nicht lange, bis Peter bereit ist, für seinen Sohn Arlo (Reggie Absolom) wirklich alles in seinem Leben zu verändern. DCM
Es dauert nicht lange, bis Peter bereit ist, für seinen Sohn Arlo (Reggie Absolom) wirklich alles in seinem Leben zu verändern.

Ketamin und Selbstmord sind nur zwei von vielen Plot-Details, die schon mal vorsichtig darauf hindeuten, dass „Club Kid“ vermutlich weniger „harmlos“ als „Kokowääh“ & Co. ausfällt. Aber auch diese Feststellung führt einen leicht auf eine falsche Fährte: Denn trotz einkalkulierter MDMA-Crashouts auf Underground-Sexpartys wird „Club Kid“ nie zu einem grauen Problemfilm, sondern bleibt immer ein hundertprozentig optimistischer Wohlfühl-Garant. Peter macht auch ohne jede Vorerfahrung als Vater auf Anhieb erstaunlich viel richtig und in den Rest hängt er sich zumindest verdammt noch mal rein. Die Leinwand-Chemie zwischen Jordan Firstman und dem inzwischen 14-jährigen Newcomer Reggie Absolom ist einfach grandios – auch weil beide Figuren einen gleichermaßen ausgeprägten Musikgeschmack besitzen.

Die natürlich nicht ausbleibenden Rückschläge folgen ebenfalls nicht treu dem üblichen Hollywoodmuster – bis hin zu einem Happy End (?), das sicherlich nicht nur bei Til Schweiger sehr viel eindeutiger ausgefallen wäre, sich so die gleichermaßen glücklichen wie traurigen Tränen des Publikums aber auch wirklich vollumfänglich verdient hat. Und darüber hinaus gibt es auch noch eine Menge zum Lachen: Eldar Isgandarov liefert als Xbox-süchtiger Slacker-Philosoph Nicky die wohl ikonischste Mitbewohner-Figur seit Rhys Ifans als Hugh Grants Roommate Spike in „Notting Hill“ – eine weitere grandiose Performance, als ob „Club Kid“ davon nicht eh schon genügend aufbieten würde.

Fazit: Normalerweise zielt der größte Crowd-Pleaser des Jahres auf den kleinsten gemeinsamen Nenner – und ist deshalb oft auch kein besonders guter Film. Aber 2025 ist das anders: „Club Kid“ ist wahnsinnig ambitioniert – und liefert trotzdem eine Rundum-Wohlfühlerfahrung, der sich kaum jemand entziehen kann.

Wir haben „Club Kid“ beim Filmfest Hamburg 2026 gesehen, wo der Film seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.

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