The Moment
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Moment

Was kommt nach dem Hype?

Von Michael Bendix

Vier gestauchte, mit verrauschter Digitaloptik spielende Kleinbuchstaben, mittig zentriert auf aggressiv-acidgrünem Grund: Mehr hat es 2024 nicht gebraucht, um das popkulturelle Phänomen des Jahres einzuläuten – den sogenannten Brat Summer. Schon das Cover von „Brat“ (zu Deutsch etwa: „Göre“), dem sechsten Studioalbum der britischen Musikerin Charli xcx, war ein gerade in seiner Schlichtheit gepaart mit offensiver Hässlichkeit klug auf maximale Meme-Tauglichkeit hindesigntes Gesamtkunstwerk. Dazu kam das Album selbst, das den Edge von Charlis Pop-Entwürfen, der ihre globale Superstar-Werdung bis dahin zu verhindern wusste, gerade so weit abschmirgelte, dass ihre nun um Club-Einflüsse erweiterten Hyperpop-Songs weit in den Mainstream hineinstrahlen konnten.

Nicht zuletzt war „Brat“ ein so radikaler wie prägnanter Gegenentwurf zu eigentlich allen anderen Strömungen der Pop-Moderne: selbstbewusst und feministisch, aber weit weg von jeder überlegenen Girlboss-Pose; verletzlich, aber ohne Pathos, unperfekt, aber ohne den Anspruch auf ausgleichende Selbstoptimierung, hedonistisch, aber nie dem reinen Eskapismus verfallend. Auch ein 365 Partygirl kämpft mit (Selbst)Zweifeln jeder Art. Doch selbst wenn die Party ein Coping-Mechanismus ist, darf sie um ihrer selbst willen Spaß machen – aus dem unvermeidlichen Kater folgt keine Moral. Dieses Spiel mit Widersprüchen und Zwischenräumen im Verband mit der glamourösen Messiness der „Brat“-Ästhetik wurde zum idealen Resonanzkörper inmitten eines Zeitgeistes zwischen Post-Corona-Starre und spätkapitalistischem Leistungsdiktat.

Nach dem großen Moment

Doch am Ende ist es mit Partys wie mit Trends: Irgendwann müssen sie enden. Hier setzt die Meta-Mockumentary „The Moment“ an, der von Charli xcx selbst entwickelte Film zum „Brat“-Hype. Was passiert, wenn man von den Rändern des Pop nicht nur in dessen Zentrum vordringt, sondern – zumindest einen Sommer lang – selbst dazu wird? Was folgt auf den großen Moment, den man vielleicht hinauszögern, aber ganz sicher niemals wiederholen können wird? Und wie viel Kompromissbereitschaft und Selbstaufgabe sind nötig, um in der Verwertungsmaschinerie der globalen Popindustrie bestehen zu können?

„The Moment“ geht direkt in den audiovisuellen Angriff über: Stroboskoplicht flackert unerbittlich zu den schneidend-industriellen Synthie-Riffs des „365“-Remixes mit Shygirl. Die aus der Dunkelheit aufblitzenden Bilder könnten aus einem Musikvideo stammen oder Aufnahmen einer Clubnacht sein, die ihren Zenit sichtlich überschritten hat – wenn wir Charli xcx zum ersten Mal sehen, fließt ihr, auf dem Boden kriechend, der Speichel aus dem Mund. Der Vorspann bleibt diesem Puls treu, die Namen werden den Zuschauer*innen in hoher Frequenz und in bunter Neonschrift entgegengeschleudert, wie die LSD-induzierte Bubblegum-Version eines Gaspar-Noé-Films. Anschließend muss eine flashy Montage von TV-Beiträgen und Videoschnipseln, die einen kurzen Abriss darüber gibt, wie „Brat“ zum tonangebenden und identitätsstiftenden Großereignis wurde, als Kontext ausreichen.

Auch privat ist Popstar Charli xcx stets mit ihrer ikonischen Sonnenbrille unterwegs. A24 / Universal Pictures
Auch privat ist Popstar Charli xcx stets mit ihrer ikonischen Sonnenbrille unterwegs.

Die augenscheinlich als eine Art „This Is Spinal Tap“ fürs postdigitale Zeitalter gemeinte Musik-Mockumentary ist konsequent von innen gedacht – wer den Brat Summer nicht miterlebt hat, könnte sich schnell verloren fühlen. Die Handlung von „The Moment“ – in Szene gesetzt von Aidan Zamiri, einem der visuellen Architekten der „Brat“-Ära – setzt rund drei Monate nach Veröffentlichung des Albums ein, die Vorbereitungen auf Charlis Welttournee sind in vollem Gange. Während „Brat“ seinen Siegeszug gerade erst angetreten hat, wird schon der Nachlass verwaltet.

Eine Armada an erfolgsgeilen Musikindustrie-Archetypen (u.a. eine von Rosanna Arquette verkörperte, tyrannische Labelchefin) konferiert in gläsernen Hinterzimmern darüber, wie sich aus einem flüchtigen Zeitgeist-Moment eine möglichst langfristig funktionierende Marke formen lässt. Einer der Bausteine: Charli soll sich bei ihren Shows für eine Amazon-Serie von dem auf Konzertfilme spezialisierten Regisseur Johannes begleiten lassen – gespielt von „True Blood“-Star Alexander Skarsgård, der sich mit alberner Beanie und komödiantischem Überschwang in seinem eigenen Film zu befinden scheint.

Der hinzugezogene Regisseur versteht absolut nicht, was den Appeal von „Brat“ ausmacht – und so treiben seine Versuche, die primär junge, queere, internetaffine und feierlustige Fanbase auf die ganze Familie auszuweiten, schnell absurde Blüten, die in so manch gelungene Pointe münden. Das Kokain in Charlis Texten, das sei doch wahrscheinlich metaphorisch gemeint, oder? „Was ist metaphorisches Koks?“, fragt Charlis kreative Leiterin Celeste (Hailey Benton Gates) zurück.

Das Glas Aperol Spritz ist ein unverzichtbares A24 / Universal Pictures
Das Glas Aperol Spritz ist ein unverzichtbares "Brat"-Accessoire.

Charli spielt hier eine Art alternative Version ihrer selbst, und auch sonst gehen Realität und Fiktion fließend ineinander über. Das wird bereits bei einem Auftritt in der Late Show von Stephen Colbert deutlich, den Charlis innerhalb einer Frage von naturalistisch-locker zu stragetisch-affektiert umschlagendes Schauspiel schnell als fingiert entlarvt. Die „Brat“-Kreditkarte, die in „The Moment“ später eine große Rolle spielen wird, hat es tatsächlich gegeben. In der Realität ist aus dem Marketinggag allerdings kein die öffentliche Integrität der Sängerin ankratzender Skandal erwachsen, der den populären YouTube-Musikkritiker Anthony Fantano enttäuscht sein „Brat“-Rating von 10 auf 3 reduzieren lässt.

„The Moment“ interessiert sich zum Glück wenig dafür, seinen zunächst etwas angezählt wirkenden Pseudodoku-Charakter aufrechtzuerhalten. Die Kamera ist immer dort, wo sie narrativ gerade am meisten gebraucht wird, und dass sie von Sean Price Williams geführt wird, der schon mehreren Regiearbeiten der Safdie-Brüder (u.a. „Good Time“) ihr nervöses Vibrato verliehen hat, rückt ihn stilistisch eher in die Nähe des im US-Independent-Kino derzeit omnipräsenten Genres des Stressfilms.

Auf den Spuren von The Weeknd

Mehr als mit „This Is Spinal Tap“, dem großen Rock-Mockumentary-Klassiker von Rob Reiner aus dem Jahr 1984, verbindet „The Moment“ mit „Hurry Up Tomorrow“, dem letztjährigen Kinofilm von The Weeknd, den der kanadische R'n'B-Superstar als eine Art Mischung aus Nabelschau und Selbst-Exorzismus anlegte. Charli xcx tritt betont uneitel auf, wie auch in vielen Songs von „Brat“ exponiert sie ihre Unsicherheiten und inneren Verwerfungen – etwa wenn sie eine kahle Stelle in ihrem Haar auszumachen meint oder in einem Spa auf Ibiza äußerst awkward mit It-Girl Kylie Jenner (in einem großartig selbstironischen Cameo-Auftritt) zusammenstößt.

Zugleich ist „The Moment“ zweifellos ein Egoprojekt – mehr als 100 Filmminuten davon zu erzählen, wie es ist, zwischen den eigenen künstlerischen Vorstellungen und von außen kommenden Rollenerwartungen vermitteln zu müssen (kurzum: in der Haut eines Popstars zu stecken), muss man sich leisten können. Anders als in ihren Songs entstehen dabei durchaus Momente an der Grenze zur Larmoyanz.

Charli (links) wird zunehmend zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellen Erfordernissen zerrieben. A24
Charli (links) wird zunehmend zwischen künstlerischer Integrität und kommerziellen Erfordernissen zerrieben.

Das zentrale Was-wäre-wenn-Szenario hat etwas von einem Strohmann, schließlich muss der Film starke Überzeichnungen bemühen, um seine eher grobmaschige Kritik an Musik-Business und Kommerzialisierungszwang zu formulieren – während „The Moment“ als hippe A24-Produktion, die Charli gemeinsam mit ihren Freund*innen auf die Beine gestellt hat, eher ein Ausdruck smart kuratierter Imagepflege ist. Doch Pop lebt natürlich nicht zuletzt von Selbstbezüglichkeit, von Performanz und Koketterie – und es ist nicht uncharmant, wie sehr der Film an jede einzelne Idee glaubt, an die genialen ebenso wie an die halbgaren. In seiner chaotischen, von Stimmungswechseln und Stilbrüchen geprägten Form ist er als Leinwand-Verlängerung der „Brat“-Ära zudem durchaus schlüssig.

Bei den 2025er-Konzerten ihrer Tournee ließ Charli xcx den überdimensionierten „Brat“-Vorhang, im Grunde das einzige Bühnenbild, regelmäßig in Flammen aufgehen – und „The Moment“ ist nun nicht zuletzt ein filmgewordener Schlussstrich, um irgendwie weitermachen zu können. Die „Brat“-Kreditkarte ist nicht mehr gedeckt, eine Charli-Schaufensterpuppe fällt mit lautem Donnern zu Boden, und die längst ikonisch gewordenen Songs halten bald nur noch als fragmentierte Störgeräusche Einzug in den Film. In Wirklichkeit ist Charli übrigens schon längst einen Schritt weitergekommen – denn mit dem Soundtrack zu „Wuthering Heights“ erscheint parallel zum Kinostart von „The Moment“ das Nachfolgeprojekt zu „Brat“.

Fazit: Charli xcx macht der „Brat“-Ära mit „The Moment“ ein Ende – und richtet sich damit explizit an Fans und Popkultur-Kenner*innen. Die dürften in der Mockumentary einiges für sich entdecken, während der Rest zumindest mit der übersteigerten Comedy-Performance von Alexander Skarsgård Spaß haben kann.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren