Venedig mal anders
Von Gaby SikorskiWer „Gloria!“, das Spielfilmdebüt der italienischen Pop-Ikone Margherita Vicario, gesehen hat, weiß Bescheid: Im Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts gab es Waisenhäuser, in denen Mädchen Musikinstrumente spielen lernten, um dann gemeinsam – für das Publikum unsichtbar – bei Gottesdiensten und Konzerten zu musizieren. Aber wo Vicario die steile These vertrat, dass bei dieser Gelegenheit die Popmusik erfunden wurde …
… geht es in Damiano Michelettos Drama „Vivaldi und ich“ um die Verbindung zwischen dem genialen Komponisten Antonio Vivaldi und seiner talentiertesten Schülerin im Waisenhaus Ospedale della Pietà. Dabei steht allerdings nicht Vivaldi, sondern das Mädchen und ihr Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung im Mittelpunkt. Das Ergebnis ist ein angenehm zurückgenommenes, musikalisches Coming-of-Age-Drama – zwar mit Perückenpflicht und mehr oder weniger bekannten Venedig-Bildern, aber vor allem mit einem wunderbar rebellischen Charme.
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Cecilia (Tecla Insolia), eine hochbegabte junge Violinistin, lebt praktisch seit ihrer Geburt im Ospedale della Pietà. Das Waisenhaus feiert zwar musikalische Exzellenz, versteckt weibliche Individualität aber hinter Masken. Die Mädchen im Waisenhaus arbeiten hart. Wer Glück hat, erhält die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen und in der Gemeinschaft zu musizieren. Aber das eigentliche Ziel für alle „Insassinnen“ ist die Ehe – vom Waisenhaus arrangiert und zu einem in harten Verhandlungen vereinbarten Kaufpreis.
Die Mädchen werden tatsächlich verschachert wie auf dem Viehmarkt. Als verheiratete Frauen dürfen sie allerdings nicht mehr musizieren. Mit dem Auftauchen des neuen Maestros Antonio Vivaldi (Michele Riondino), einem Mönch, der als Musiklehrer und Dirigent für die Mädchen im Waisenhaus arbeitet, beginnt Cecilia zu ahnen, dass ihr Leben mehr bereithalten könnte als Kinder und einen Ehemann. Die Musik wird für sie zum Symbol für Unabhängigkeit und Freiheit …
Regisseur Damiano Michieletto, der international bisher vor allem für seine Operninszenierungen bekannt ist und mit „Vivaldi und ich“ sein Kinodebüt abliefert, verfilmt hier den Roman „Stabat Mater“ von Tiziano Scarpa. Und zwar nicht als touristisches Bilderbuch-Venedig-Historienkino, sondern als musikalisch durchkomponierte Emanzipations-Fantasie. Zu Beginn schwingt die Musik nur zart mit – ihre Bedeutung aber wächst, je länger der Film dauert. Cecilia wirkt zu Beginn noch kindlich – ein Mädchen, das davon träumt, endlich von der Mutter abgeholt zu werden, die sie nie kennengelernt hat. Heimlich schreibt sie Briefe auf Notenpapier. Sie fügt sich dem Leben im Waisenhaus, dem Mangel an Individualität und Privatsphäre sowie dem Übermaß an Arbeit.
Erst durch Vivaldis Einfluss verändert sie sich. Cecilia wird erwachsener, anspruchsvoller. Sie entwickelt Stolz und Würde – zwei Eigenschaften, die ihr im Waisenhaus eher schaden als nutzen. Später wirken manche Szenen wie musikalische Variationen dieser Entwicklung, Emotionen schwingen mit und nach, dazu gibt es traumschöne, manchmal wie Scherenschnitte fotografierte Bilder von Venedig und der Umgebung. Mit Cecilias gestiegenem Selbstvertrauen wird nicht nur ihr Violinspiel perfekter, die Musik wird auch lauter und kräftiger. Der Film steigert sich gleichsam von Adagio zu Allegro.
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Vivaldi wählt Cecilia als 1. Violine aus – damit ist sie faktisch Leiterin des Orchesters neben dem Dirigenten. Der Grund, warum er sie wählt, ist nicht ihr Können oder womöglich, dass er sich in sie verliebt hätte. Stattdessen spielt sie nicht wie ihre Rivalinnen nur dafür, gelobt zu werden. Sie spielt, weil sie in der Musik lebt und durch sie selbst immer lebendiger wird.
Michieletto zeigt diese Entwicklung eher beiläufig, so wie er auch Vivaldi eher nebenbei charakterisiert, was eine originelle Idee ist: Michele Riondino spielt ihn als humorvollen, hübschen Mann, durch Krankheiten geschwächt, aber unbeirrbar in seinem Tatendrang. Tecla Insolia liefert dazu als Cecilia ein bezaubernd zartes Fluidum, ein ernstes Kind, das nur zu lächeln scheint, wenn Musik zu hören ist.
Dank Vivaldi lernt sie den eisernen Willen, der sie zur künstlerischen Perfektion treibt. Trotzdem braucht sie auch weiter Vivaldis Unterstützung, denn die drohende Eheschließung könnte alle ihre Ambitionen abrupt beenden. „Vivaldi und ich“ überrascht dabei im genau richtigen Moment mit einer Wendung, die ebenso unerwartet wie brutal ist. Gerade zum Ende hin wird klar, wie klug erdacht das Drehbuch ist, wie es mit Erwartungen, Wünschen und Klischees spielt. Bis dahin erfordert der Film jedoch zunächst einmal einiges an Geduld und den Willen, sich auf das zu Beginn gemächliche Tempo und die kühle Atmosphäre einzulassen.
Visuell verweigert sich „Vivaldi und ich“ der erwartbaren Postkartenromantik. Daria D’Antonio lässt die Kamera häufig durch prachtvoll ausgestattete Säle und Hallen schweifen, in denen die Macht der Kirche und des Geldes spürbar wird. Im Gegensatz dazu stehen die halbdunklen Räume, in denen die Mädchen leben und arbeiten. Inhaltlich zielt „Vivaldi und ich“ ganz eindeutig auf weibliche Selbstbestimmung. Doch es geht zusätzlich in einer sehr eleganten Art und Weise um die Kunst an sich – um das Geschenk des Talents, das auch ein Fluch sein kann.
Fazit: Ein kluges, sinnliches Drama mit viel Musik und einer faszinierenden Hauptfigur, nur scheinbar eine zerbrechliche, zarte Elfe, die sich schließlich sogar gegen ihren eigenen Lehrmeister auflehnt.