Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Das Deutsche Volk

Wider das Vergessen

Von Jochen Werner

Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtović, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov. Das sind die Namen der neun Menschen, die am 19. Februar 2020 von einem 43-jährigen Neonazi ermordet wurden, bevor er als zehntes Opfer seine bettlägerige Mutter und schließlich sich selbst tötete. Ein rassistisch motivierter Amoklauf eines rechtsradikalen Einzeltäters, der ganz Deutschland in Schockstarre versetzte – bevor wenige Tage später die Corona-Lockdowns die Welt lahmlegten und dann jahrelang die Schlagzeilen bestimmten.

Eine günstige Gelegenheit auch, um das Ausmaß des Behörden- und Polizeiversagens kurzerhand unter den Teppich zu kehren und bei der Aufklärung, wie es überhaupt erst so weit kommen konnte und warum am Tattag nicht schneller und zielgerichteter gehandelt wurde, nicht gar so genau hinschauen zu müssen. Dieser Gedanke beschleicht einen jedenfalls beim Anschauen des Dokumentarfilms „Das deutsche Volk“ von Marcin Wierzchowski.

Die Zurückgelassenen

Dieser bleibt nämlich konsequent bei den hinterbliebenen Angehörigen der Ermordeten von Hanau, bei trauernden Eltern, Brüdern, Freund*innen. Die fühlen sich alleingelassen in ihrer Trauer und mit all ihren Fragen – nicht einmal informiert worden seien sie vom Tod ihres Sohnes, erzählt ein noch immer fassungsloser, untröstlicher Vater einmal. Am nächsten Morgen noch sei er zur Arbeit gegangen, als wäre nichts geschehen, während die Bilder von den Tatorten längst weltweit durch alle Medien gingen.

Und dann diese Opferbeschreibungen, die herausgegeben wurden: Als „orientalisch-südländisch“ sei sein dunkelblonder, blauäugiger Sohn beschrieben worden, wohl einzig wegen seines undeutsch anmutenden Namens. Auf eine rassistische Mordtat folgt eine weitere rassistische Diskriminierung seitens der Polizei, die mit der Aufklärung der Morde betraut sei. Die Zuschreibung seitens des Täters, der seine Opfer durch seine Tat aus dem ausschließen wollte, was er als das „deutsche Volk“ verstand, wurde von den Behörden, ob bewusst oder unbewusst, übernommen.

„Das deutsche Volk“ füllt in einem monolithischen Digitalschwarzweiß die Kinoleinwand. Marcin Wierzchowski
„Das deutsche Volk“ füllt in einem monolithischen Digitalschwarzweiß die Kinoleinwand.

Gut anderthalb Jahre später stellte sich heraus, dass 13 Polizisten, die als Mitglied eines Sondereinsatzkommandos in der Tatnacht im Einsatz waren, Teil eines noch viel größeren rechtsextremen Netzwerks in der hessischen Polizei waren. Neonazis im Staatsdienst machten Jagd auf einen geistesverwandten Attentäter – versuchten einige von ihnen gar absichtlich, diesem eine unerkannte Flucht zu ermöglichen? Erneut sollte nicht so genau hingeschaut werden, die Arbeit der Hanauer Polizei sei an einzelnen Punkten verbesserungsfähig, aber im Großen und Ganzen hervorragend gewesen, wurde verlautbart. Und eine rassistische Gesinnung von Polizisten bedeute ja schließlich noch nicht, dass diese ihren Job nicht gut machen, so der damalige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Das alles sind Dinge, die zuerst betroffen und dann wütend machen. Dass wir sie heute wissen können, liegt nicht unbedingt an der Arbeit der ermittelnden Behörden, sondern an dem unermüdlichen Beharren der trauernden Angehörigen auf eine hinreichende Aufklärung der Verantwortlichkeiten und offenen Fragen. Denn die ersten Ermittlungen wurden kurzerhand eingestellt, erst das Beharren der Hinterbliebenen auf einem Untersuchungsausschuss – sowie die Recherchearbeit des dokumentarischen Künstler*innenkollektivs Forensic Architecture – brachte das ganze Ausmaß der Versäumnisse und des Versagens an jenem Abend ans Tageslicht.

Der Kampf ist noch immer nicht vorbei

Regisseur Marcin Wierzchowski widmet ihrem Kampf, ihrer Trauer und – nicht zuletzt – ihrer nie erloschenen Wut nun einen durchaus monumentalen Dokumentarfilm. „Das deutsche Volk“ ist in monolithischem Digital-Schwarzweiß gehalten und nimmt sich viel Zeit, um all diese Gefühle, den Aktivismus und den hilflosen Zorn nur ja nicht in ein schematisches Format zu pressen. Dabei mutet er uns durchaus auch einiges zu: Manches ist redundant, manchmal kämpft man scheinbar mit den Angehörigen gegen Windmühlen und das Verdrängen an, und wenn sich etwas ändern soll, bedarf es jahrelanger, unermüdlicher Kämpfe. Von denen übrigens nicht alle siegreich enden: Das Denkmal für die Opfer des 19. Februar 2020, über dessen Standort am Ende des Films heftig gestritten wird, wird nicht am gewünschten Ort errichtet werden.

Auf dem zentralen Marktplatz von Hanau sollte es stehen, so forderten die Hinterbliebenen. Direkt neben dem Denkmal der berühmtesten Söhne der Stadt, der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Denn auch die Morde seien fortan Teil des Erbes der Stadt Hanau, ob man es wolle oder nicht – und auch die Ermordeten des 19. Februar seien Söhne und Töchter Hanaus. Aufgrund ihrer teilweise mehrere Generationen zurückliegenden migrantischen Familiengeschichten wollte der Täter sie aussondern aus dem, was er als „deutsch“ verstand. Umso wichtiger ist es, sie nun, nach ihrem Tod, nicht erneut zu Fremden zu machen. Ihr Denkmal wird nicht auf dem Hanauer Marktplatz stehen, aber die Opfer des 19. Januar wurden aus der Mitte der deutschen Gesellschaft gerissen. „Das deutsche Volk“ steht als Widmung auf dem Denkmal der Brüder Grimm – und Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtović, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov waren ein Teil davon.

Fazit: Ein wuchtiger, ergreifender und fordernder Dokumentarfilm, der über zwei Stunden lang die Hinterbliebenen der Mordopfer des Hanauer Anschlags vom 19. Februar 2020 begleitet – durch Trauer und Wut und den mal erfolgreichen, mal vergeblichen Kampf um Aufklärung und Gerechtigkeit. „Das deutsche Volk“ macht betroffen und zornig gleichermaßen.

Wir haben „Das deutsche Volk“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Berlinale Special gezeigt wurde.

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