Sabbatical
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Sabbatical

Ausbruch in die Enge

Von Kamil Moll

Im Winter ist es selbst in Griechenland kühl und klamm – und auch zwischen Tara (Seyneb Saleh) und Robert (Trystan Prütter) wird es kaum wärmer. Am Anfang von Judith Angerbauers „Sabbatical“ sitzen sie auf der Terrasse ihres direkt am Meer gelegenen Steinhauses und wollen zusammen Garnelen essen. Aber die niedrigen Temperaturen behagen nicht beiden gleichermaßen. „Wollen wir nicht drinnen essen, es ist kalt“, bittet Tara ihren Mann, aber der insistiert betont achselzuckend, draußen zu bleiben: „Ist doch schön!“

Alltägliche Mikroaggressionen können Beziehungen fundamentaler zersetzen als große dramatische Einschnitte und Konflikte: Diesen schleichenden Prozess voller angedeuteter Missstimmungen in einer Ehe beobachtet der Film in einer ruhigen Bildsprache, die sich des mittlerweile selten gewordenen 4:3-Seitenformats bedient. Etwas Beengendes und Klaustrophobisches liegt so bereits in den Einstellungen, der Film verweist mit schlichter Prägnanz auf die eingekastelte Lebenswelt eines Paares, das sich eigentlich mit einem Sabbatical, einer längeren Auszeit fern von ihren Arbeitsplätzen in Berlin, öffnen wollte für neue, erweiterte Lebensentwürfe.

Man ahnt schon früh: Mit Tara (Seyneb Saleh) und Robert (Trystan Prütter) wird das nicht mehr lange gutgehen. farbfilm
Man ahnt schon früh: Mit Tara (Seyneb Saleh) und Robert (Trystan Prütter) wird das nicht mehr lange gutgehen.

Aber Robert und Tara haben dann doch grundsätzlich andere Vorstellungen davon, wie sie die freie Zeit mit ihrer gemeinsamen Tochter Nia (gespielt von „In die Sonne schauen“- und „22 Bahnen“-Kinder-Shootingstar Zoë Baier) verbringen wollen. Sie möchte ohne Erwartungsdruck ein neues Romanprojekt beginnen, um mit zwanglosen Schreibroutinen im neuen Alltag aus einem langjährigen Writer’s Block herauszukommen. Für ihn wird der Aufenthalt an der griechischen Küste zu einem neuen Homeoffice. Zwischen Tageseinkaufen regelt er mit In-Ear-Kopfhörern Arbeitsgespräche und beginnt leger auf der Terrasse neue Entwürfe am Handy. „Vollgas geben und ein Proposal schreiben“? Kann man wahrscheinlich auch während eines Sabbaticals gut bewältigen, denkt Robert.

Seit gut zwei Jahrzehnten verfasst Judith Angerbauer Drehbücher. Bekannt geworden ist sie dabei durch Matthias Glasners „Der freie Wille“, einem so unnachgiebig wie drastisch eskalierenden Drama über einen von Jürgen Vogel gespielten Vergewaltiger, der aus der Haft entlassen eine toxische, allen Beteiligten die Luft entziehende Beziehung zu einer jüngeren Frau beginnt. In Angerbauers eigenem Regiedebüt entgleist nun eine Ehe auf deutlich weniger explizite Weise, auch wenn „Sabbatical“ beständig mit uneindeutigen Horrorverweisen spielt, immer wieder hintersinnig entlang der rauen Mauern des Hauses entlangfährt und das Entfernen einer Fischgräte aus dem Hals mit einer Pinzette den Film für einen kurzen Moment auch schon mal gekonnt in die Body-Horror-Richtung rückt.

Passiv-aggressive Buchkritik

Gut die Hälfte lang gewinnt der Film durch seine konzentrierte, kleinere Form. Auseinandersetzungen entladen sich nicht in Gewalt, sondern in wundersam passiv-aggressiv geschriebenen Dialogen. „Interessant“ sei, was sie bisher für ihren neuen Roman geschrieben habe, sagt Robert zu Tara, als sie ihm ein paar Seiten zu lesen gibt. Aber das heiße doch, es sei nicht gut, erwidert sie unterkühlt und in Verteidigungshaltung. „Na, interessant eben“, setzt er etwas genervter hinzu. „Aber vielleicht dadurch auch irgendwie nicht gut.“ Gerne hätte man gesehen, an welchem Punkt eine solche Beziehungsdynamik zwangsläufig an einen Kipppunkt gelangen muss, wann der Moment eintritt, an dem eine Person nicht mehr all den kleinen süffisanten Angriffen der anderen nachgeben mag.

Joni (Sebastian Urzendowsky) bricht den von Mikroaggressionen geprägten Alltag an der griechischen Küste mit seiner Ankunft auf. farbfilm
Joni (Sebastian Urzendowsky) bricht den von Mikroaggressionen geprägten Alltag an der griechischen Küste mit seiner Ankunft auf.

Dieser Konsequenz entzieht sich der Film gleichwohl dann doch und beginnt Hürden und Umwege aufzubauen. Roberts jüngerer Bruder Joni (Sebastian Urzendowsky) taucht unverrichtet im Ferienhaus auf, sorgt erst für neue Spannungen und schließlich für größeres Drama: einen folgenreichen Unfall, durch den auch Roberts Eltern hinzugezogen werden. Und mit ihnen ein verworrenes Netz aus unausgesprochenen Schuldzuweisungen und jahrzehntelang mitgeschleppten Familienkonflikten.

„Ich höre dich gar nicht mehr in deinem Text“, lautet ein im Film geäußerter Vorwurf. Das lässt sich leider auch gegen die zweite Hälfte des Films wenden: All das, was „Sabbatical“ innerhalb einer Dreiviertelstunde fokussiert als subtiles Melodram zwischen zwei Personen in einem kammerspielhaften Setting aufgebaut hatte, überlädt er schließlich mit allzu großen und durchkonstruierten Wendungen. Ein in Teilen vielversprechendes Regiedebüt bleibt es dennoch.

Fazit: „Sabbatical“ überzeugt vor allem dort, wo Judith Angerbauer auf Reduktion setzt. In den Dialogen und der konsequent beengenden Bildsprache entfaltet das Filmdebüt eine Intimität, die die Erosion einer Beziehung nagend nachvollziehbar macht. Wenn der Film jedoch in seiner zweiten Hälfte nach größerem Drama greift, verliert er schnell an Konsequenz. Trotz dieser Überfrachtung bleibt „Sabbatical“ ein konzentriertes Kammerspiel, das einiges verspricht – und gerade deshalb neugierig auf Angerbauers weitere Regiearbeiten macht.

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