Crime 101
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Crime 101

Ein legitimer "Drive"-Nachfolger

Von Pascal Reis

Das nächtliche Los Angeles. Ein vibrierendes Farbenmeer, das sich vom Pazifik bis zu den Santa Monica Mountains zieht, gefilmt aus erhaben schwebender Vogelperspektive – gibt es eine Einstellung, die stärker nach Kino schreit? Filme wie „Heat“, „Drive“ oder „Collateral“ haben diesen Blick auf die Stadt der Engel immer wieder zelebriert und mit Melancholie, Einsamkeit, aber auch Hoffnung aufgeladen. Doch in den vergangenen Jahren war genau dieses Bild kaum noch auf der großen Leinwand zu sehen – und erst recht wurde es selten vor Ort eingefangen.

Der Grund dafür ist deprimierend, vor allem, wenn man Hollywood als Ort unbegrenzter Möglichkeiten begreift: LA ist schlicht zu teuer geworden. Schwerwiegend hinzu kommen attraktivere Steueranreize andernorts (wie zum Beispiel Europa oder Atlanta), die Produktionen mit großzügigen Gutschriften und faktischen Rückzahlungen locken. Kalifornien hat inzwischen reagiert und seine Förderprogramme aufgestockt, um zu verhindern, dass sich die Traumfabrik selbst abschafft. Ob das zu einer Rückkehr vermehrter Dreharbeiten in Los Angeles führt, bleibt abzuwarten. Welchen enormen atmosphärischen Gewinn dies bedeuten könnte, zeigt schon jetzt der grandiose Thriller „Crime 101“.

Davis (Chris Hemsworth) ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Sony Pictures
Davis (Chris Hemsworth) ist der Polizei immer einen Schritt voraus.

Davis (Chris Hemsworth) ist ein brillanter Juwelendieb, der die Polizei von Los Angeles auf Trab hält. Seine Raubzüge sind bis ins kleinste Detail geplant – so präzise, dass die Behörden ihm einfach nicht auf die Spur kommen. Doch als Davis den letzten und größten Coup seiner Karriere ins Visier nimmt, gerät sein perfekt austariertes System ins Wanken. Er zerstreitet sich mit seinem Auftraggeber (Nick Nolte), der mit dem unberechenbaren Ormon (Barry Keoghan) bereits einen Nachfolger in Stellung bringt. Ausgerechnet dieser soll nun den akribisch vorbereiteten Raub durchführen.

Während das LAPD weiterhin kein klares Muster in den Überfällen entlang des Freeway 101 erkennen will, kommt Detective Lieutenant Lubesnik (Mark Ruffalo) Davis gefährlich nahe. Der verbissene Ermittler heftet sich an die Fersen des Einzelgängers und wird mehr und mehr zu einer ernsthaften Bedrohung. Zusätzlich verkompliziert sich die Lage, als sich Davis’ Wege mit der aufgrund ihres Jobs frustrierten Versicherungsmanagerin Sharon (Halle Berry) kreuzen. Und dann verliebt sich der Meisterdieb auch noch in Maya (Monica Barbaro)...

Die Charaktere stehen im Mittelpunkt

Mit „Der Blender – The Imposter“ und „American Animals“ hat Regisseur Bart Layton bereits zweimal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass man Spannung nicht aus vordergründigen Knalleffekten schöpfen muss. Der Nervenkitzel seiner Filme entsteht vielmehr aus dem genauen Blick auf die Psyche seiner Figuren und aus dem Versuch zu verstehen, warum sie handeln, wie sie handeln. Diesem Ansatz bleibt Layton nun auch in „Crime 101“ konsequent treu. Wer hier also einen krachenden Actionthriller erwartet, in dem eine spektakuläre Verfolgungsjagd die nächste jagt, dürfte zunächst enttäuscht sein. Ungemein packend ist der Film mit seiner stattlichen Laufzeit von 145 Minuten dennoch.

Das liegt vor allem an Laytons erneut äußerst konzentriertem Umgang mit seinen Figuren und ihren jeweiligen Lebensrealitäten. Er nimmt sich viel Zeit, um in die Welt der drei Hauptakteure einzutauchen und sie durch präzise Alltagsbeobachtungen zu dreidimensionalen Charakteren zu formen. Wenn Sharon morgens auf ihr Handy blickt und als Erstes mit einem miserablen Sleep Score konfrontiert wird oder der völlig zerzauste Lubenski sich beim Toilettengang bewusst Zeit lässt, weil dies die einzigen Minuten des Tages sind, in denen er Ruhe findet, bedarf es keiner weiteren Erklärung, um die innere Verfassung dieser Menschen begreifbar zu machen.

Cop Lubesnik (Mark Ruffalo) nimmt die Fährte auf, auch wenn es einfach keine Hinweise gibt. Sony Pictures
Cop Lubesnik (Mark Ruffalo) nimmt die Fährte auf, auch wenn es einfach keine Hinweise gibt.

Davis, der mit seinem strikten, nahezu anti-brutalen Regelwerk fast so etwas wie den letzten ehrenhaften Gauner verkörpert, scheint die Kontrolle jederzeit zu behalten. Selbst wenn auf ihn geschossen wird, findet er durch bewusstes Atmen zurück in die nötige Kontrolle – einzig Emotionen bringen ihn aus der Bahn. Das mag zunächst klischeehaft klingen, doch das Zusammenspiel von Chris Hemsworth und Monica Barbaro ist derart aufrichtig und feinfühlig, dass man an der schicksalhaften Begegnung von Maya und Davis keinen Moment zweifelt: Beim sanften Tanz zu Bruce Springsteens „Jersey Girl“ scheint für den Profi-Gauner plötzlich ein Ankommen möglich, im drögen Edelrestaurant werden gemeinsam Überlegungen angestellt, worum es sich bei dem Gericht Blanquette de veau wohl handeln könnte, um dann doch lieber zum nächsten Taco-Stand zu gehen.

Tatsächlich sind die Figuren in „Crime 101“ so lebendig geschrieben und charismatisch besetzt, dass man sich gerne auf ihren Alltag einlässt und mit ihnen mitfühlt. Schnell wird dabei deutlich – ganz so, wie es bereits beim großen Vorbild „Heat“ der Fall war –, dass es in dieser Geschichte eigentlich keine klassischen Bösewichte gibt. Stattdessen begegnet man Menschen mit Träumen, Sehnsüchten und Obsessionen, die auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes versuchen, ihr oft einsames Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen.

Wenn es kracht, dann ordentlich!

Auch wenn „Crime 101“ charakterorientiert und -getrieben erzählt ist, gibt es auch immer wieder Actioneinlagen – und die haben es durchaus in sich! Die Umsicht, mit der Bart Layton seine Figuren formt und begleitet, spiegelt sich auch in der handwerklich starken Umsetzung der adrenalingeladenen Verfolgungsjagden wider. Die Kamera wechselt dabei in bester „Drive“- und „Bullitt“-Manier vom Fahrersitz zur Stoßstange, sucht Perspektiven aus der unmittelbaren Umgebung und macht so Geschwindigkeit und Wucht der Boliden spürbar, ohne dabei je den Überblick zu verlieren oder die explosive Dynamik durch überhastete, irritierende Schnittfolgen zu zerstören.

Überhaupt verdient die extrem stilsichere, sich stetig zuspitzende Inszenierung, gerne untermalt von einem wummernden Score, der sich wie ein Donnergrollen um die Bilder hüllt, besondere Erwähnung. „Crime 101“ ist nicht nur eine stimmungsvolle Liebeserklärung an das charakterstarke, entschleunigte Genre-Kino der 1970er-Jahre (inklusive einer kleinen Diskussion über den besten Film von Steve McQueen), sondern zugleich Ode an Los Angeles, das Layton hier neben Chris Hemsworth, Mark Ruffalo und Halle Berry zum vierten Hauptdarsteller erhebt.

Davis und Sharon (Halle Berry) könnten eine unwahrscheinliche Allianz bilden... Sony Pictures
Davis und Sharon (Halle Berry) könnten eine unwahrscheinliche Allianz bilden...

Dabei begnügt sich Layton keineswegs mit den ikonischen Ansichten des bis zum Horizont strömenden Verkehrs, der sich in eine formlose Lichtbewegung verwandelt, die ihren Weg durch das nächtliche Stadtgefüge bahnt. Stattdessen sucht er konsequent nach alternativen Blickwinkeln abseits von Downtown und dem Santa Monica Pier. Nächtliche Unterführungen, zwielichtige Seitenstraßen mit versteckten Hintereingängen, karge Industriegebiete, aber ebenso Designerhäuser am Strand, exklusive Juweliere und das altehrwürdige Beverly Wilshire Hotel bilden kartografische Koordinaten einer Stadt, die in „Crime 101“ pulsiert und hämmert, Raum zum Innehalten und Treibenlassens öffnet und gleichwohl die Gefühlswelten der Figuren reflektiert.

Fazit: „Crime 101“ besticht durch seine ungemein stilsichere Inszenierung und ist trotz seiner Starbesetzung kein klassischer Heist-Blockbuster, sondern ein entschleunigter, charakterorientierter Thriller, der Los Angeles stimmungsträchtig zelebriert und die Lebensrealitäten seiner Figuren fesselnd ausleuchtet. Wenn es doch zu Action-Einschüben kommt, entfaltet diese in bester „Drive“-Manier eine krachende Wucht.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren