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    You People
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    You People

    Thematisch auf der Höhe, aber einfach nicht besonders lustig

    Von Christoph Petersen

    Meine Braut, ihr Vater und ich“ mit einer gesellschaftlichen Message und einem Schuss Culture-Clash á la „My Big Fat Greek Wedding“ – so ließe sich „You People“ ziemlich gut zusammenfassen. Das Netflix-Original stammt von dem seit langem erfolgreichen Drehbuchautor Kenya Barris („Girls Trip“), der hier sein Debüt als Spielfilmregisseur gibt, nachdem er zuletzt die acht Staffeln von „Black-ish“ als Showrunner verantwortet hat. Die vielfach preisgekrönte Serie war dabei aber nicht nur ein Quotenhit …

    … sondern auch berühmt-berüchtigt dafür, immer wieder heiße gesellschaftliche Eisen anzupacken, die man so und vor allem mit so viel Biss nicht in einer Familien-Sitcom erwartet hätte. Eine erstmals 2016 ausgestrahlte Episode über Polizeigewalt avancierte gar zu einer der meistdiskutierten Serienfolgen in der Geschichte des US-Fernsehsenders ABC. Wer jetzt erwartet, dass Kenya Barris die Netflix-Freiheiten nutzt, um die Restriktionen einer Network-Serie abzustreifen und richtig Gas zu geben, wird allerdings enttäuscht.

    Ezra (Jonah Hill) und Amira (Lauren London) teilen eine Vorliebe für schreiende Farben.

    Mit seinen 35 Jahren gilt Finanzdienstleister Ezra (Jonah Hill) in der jüdischen Gemeinde seiner Eltern Shelley (Julia Louis-Dreyfus) und Arnold (David Duchovny) schon fast als alte Jungfer. Aber dann lernt der Hobby-Podcaster durch einen blöden Zufall rund um eine Uber-Verwechslung die Kostümdesignerin Amira (Lauren London) kennen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb – und ziehen sogar zusammen.

    Trotzdem gibt es da ein massives Problem: Während Amira zunehmend davon genervt ist, dass Shelley zwar immer alles nur gut meint, aber angesichts der schwarzen Freundin ihres Sohnes trotzdem kaum ein Rassismus-Fettnäpfchen auslässt, setzt ihr zum Islam übergetretener Bürgerrechtler-Vater Akbar (Eddie Murphy) alles daran, um eine Hochzeit seiner Tochter mit Ezra zu verhindern. Kann eine junge Liebe ein solches familiäres Dauerfeuer auf Dauer überstehen?

    Der letzte Biss fehlt

    Wenn Eddie Murphy („Beverly Hills Cop“) als Bürgerrechtler alter Schule direkt bei seinem ersten Auftritt mit einem „Fred Hampton Was Murdered“-T-Shirt aufschlägt, dann steigen die Erwartungen, dass Kenya Barris in seinem „Rat mal, wer zum Essen kommt“-Update nun endgültig die Samthandschuhe ablegt. Aber das passiert leider viel zu selten. Ja, es wird schon manchmal ungemütlich, wenn Figuren, die es eigentlich gut meinen, von einer offensichtlich-rassistischen Aussage in die nächste stolpern, aber das ist dann doch eher cringe als entlarvend oder gar bissig.

    Lässt die beim ersten Abendessen mit beiden Schwiegereltern-Paaren aufkommende Grundsatzfrage, ob man den Holocaust mit der Sklaverei vergleichen darf (oder auch nur sollte), durchaus noch Ambivalenzen zu, zieht sich „You People“ im Anschluss schnell auf sichereres Gebiet zurück: Gerade Shelley ist weniger ignorant als geradeheraus naiv-weltfremd, wenn sie wirklich keinen Rassismus-Fallstrick auslässt – und dann noch nicht mal etwas davon mitbekommt, wenn sie mit ihren herablassenden Ausführungen über die Geschichte der Haare schwarzer Frauen alle um sich herum in wütende Empörung versetzt.

    Akbar (Eddie Murphy) kennt mit seinem potenziellen Schwiegersohn in spe kein Erbarmen, sondern lässt ihn gnadenlos immer wieder auflaufen.

    Aber zumindest ist „You People“ trotz gelegentlicher Rückfälle in eine allzu statische Sitcom-Optik angenehm spezifisch. Das Drehbuch hat Kenya Harris gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Jonah Hill geschrieben – und schon in den ersten Szenen in der jüdischen Gemeinde spürt man einfach, dass viele der skurrilen Figuren wie ein alter Arzt, der auf dem Klo erst mal Ezras Penis begutachten will, aus dem persönlichen Erfahrungshorizont des „The Wolf Of Wall Street“-Stars stammen.

    Vor allem die vielen, vielen Popkulturanspielungen wirken überwiegend angenehm unverbraucht – so kommunizieren Ezra und seine Co-Podcasterin Mo (Sam Jay) oft, indem sie einfach nur eine der zig verschiedenen Personas von Drake benennen, als wäre der Rap-Superstar eine lebendige Barbie-Puppe. Harris und Hill wissen halt, wovon sie schreiben (selbst wenn es ein paar Aussetzer gibt wie die megaaufwändige Podcast-Produktion, die sich selbst unter den Profis wohl nur die absoluten Spitzenstars leisten könnten, aber ganz sicher kein semiprofessioneller „Hobby“-Podcaster wie Ezra).

    Der MVP ist ganz klar Eddie Murphy

    Leider übertragen sich diese Qualitäten nicht unbedingt in einen entsprechenden Unterhaltungswert. Immer wieder predigt „You People“, statt zu entlarven und das Publikum dann seine eigene Schlüsse ziehen zu lassen. Und statt mit einem provokanten Ende beschließt der Film mit einem überhastet-herbeigezauberten Finale, das fast so wirkt, als wäre es erst auf Wunsch des Studios (bzw. von Netflix) noch nachträglich hinzugefügt worden. Oder kurz gesagt: „You People“ geht viel zu sehr auf Nummer sicher.

    Trotzdem kann man als Netflix-Abonnent*in ruhig einen Blick riskieren, wenn auch vor allem wegen der vielen toll aufgelegten Stars: Jonah Hill und Lauren London („Tom Clancy’s Gnadenlos“) haben eine entwaffnende Chemie – alleine schon, weil die beiden ständig Gucci-Klamotten tragen, die aussehen als hätte sich ein regenbogenfarbenes Einhorn über sie ergeben. Der MVP bleib aber Eddie Murphy, der als Akbar mit seiner ruhigen Bestimmtheit tatsächlich ziemlich furchterregend sein kann – alle Achtung jedenfalls, dass Ezra es so lange mit ihm aushält, ohne schreiend die Flucht zu ergreifen.

    Fazit: „You People“ fehlt es an Witz und Biss. So ist es vor allem der großartige Cast, der das Reinschalten in diese gesellschaftsrelevante „Meine Braut, ihr Vater und ich“-Variante rechtfertigt – zumindest wenn man Netflix ohnehin schon abonniert hat.

     

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