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    Der talentierte Mr. Ripley
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der talentierte Mr. Ripley
    Von Lars-Christian Daniels

    1955 brachte die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith mit „The Talented Mr. Ripley" einen ihrer erfolgreichsten Kriminalromane zu Papier und schuf mit dem raffinierten Verwandlungskünstler Tom Ripley zugleich ihre populärste literarische Figur. Die erste Verfilmung des Buches ließ nicht lange auf sich warten: Bereits fünf Jahre nach Erscheinen des ersten von insgesamt fünf Ripley-Romanen nahm sich der französische Regisseur und Drehbuchautor René Clément mit „Nur die Sonne war Zeuge" des Stoffes an und sorgte für die erste überzeugende Leinwandadaption. Knapp vierzig Jahre später stellte Anthony Minghella („Unterwegs nach Cold Mountain") unter Beweis, dass Highsmiths zeitlose Geschichte auch nach Jahrzehnten nichts von ihrem Reiz verloren hat. Seine bis in die Nebenrollen hochklassig besetzte Neuverfilmung braucht den Vergleich mit dem Vorgänger nicht zu scheuen und meistert die Gratwanderung zwischen beklemmendem Thriller und tragisch angehauchter Charakterstudie mit Bravour.

    „Jeder Mensch sollte ein Talent haben. Welches hast du?" „Unterschriften fälschen. Lügengeschichten erzählen. Außerdem kann ich praktisch jeden imitieren."

    Der junge Tom Ripley (Matt Damon) lebt in New York und hält sich mit Klavierstimmen und anderen Gelegenheitsjobs über Wasser. Als der erfolgreiche Werftleiter Herbert Greenleaf (James Rebhorn) ihn auf einer Feier fälschlicherweise für einen Studienfreund seines Sohnes Dickie (Jude Law) hält, macht ihm der Unternehmer ein lukratives Angebot: Er bezahlt Tom dafür, den sich gemeinsam mit seiner Freundin Marge Sherwood (Gwyneth Paltrow) im italienischen Mongibello die Sonne auf den Bauch scheinen lassenden Dickie aufzuspüren und zur Rückkehr in die USA zu bewegen. Nachdem Tom die beiden gefunden und sich mit dem Pärchen angefreundet hat, lernt er dank des zahlungskräftigen Vaters schnell die süßen Seiten des Lebens in Bella Italia kennen. Bei einer Bootsfahrt kommt es jedoch zu einem folgenschweren Streit. Tom erschlägt Dickie, lässt die Leiche verschwinden und führt fortan das Leben seines Opfers weiter...

    Anthony Minghella, der nach dem Regie-Oscar für „Der englische Patient" für sein „Ripley"-Drehbuch erneut von der Academy nominiert wurde, orientiert sich bei seiner Adaption zwar enger an der literarischen Vorlage als René Clément, gestattet sich aber ebenfalls auffällige Freiheiten. Die wichtigste Abwandlung im Vergleich zum Roman ist die Einführung einer zusätzlichen Nebenfigur, mit der er Ripleys verzwickte Lage gezielt verschärft. Meredith Logue (Cate Blanchett), der sich Tom bei seiner Ankunft in Italien als Dickie Greenleaf vorstellt, taucht immer im denkbar ungünstigsten Moment auf und droht sein falsches Spiel auffliegen zu lassen. Wenngleich dieser Drehbuchkniff den Zufall bisweilen ein wenig überstrapaziert, sorgt die mögliche Enttarnung des Hochstaplers immer wieder für Spannungsmomente. Auch das zunehmende Misstrauen und die bohrenden Fragen von Freddie Miles (großartig: Philip Seymour Hoffman), der dem vermeintlichen Schmarotzer von Beginn an mit Argwohn und Verachtung begegnet, treibt dem falschen Dickie – und mit ihm dem Zuschauer - mehr als einmal Schweißperlen auf die Stirn.

    Dennoch ist „Der talentierte Mr. Ripley" keineswegs der vordergründig auf Spannung setzende Thriller, den man angesichts der Romanvorlage vermuten könnte. Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch vor allem auf die Psyche seines Protagonisten und stellt dessen ambivalentes Wesen über die eigentliche Kriminalhandlung. Wer ist dieser Mr. Ripley wirklich? Der verklemmte Außenseiter, der mit seiner hellgrünen Badehose am Strand fast ein wenig an „Borat" erinnert und heimlich Schallplattentitel auswendig lernt, nur um bei Jazz-Fan Dickie ein wenig mitreden zu können? Der clevere Signaturfälscher, der in große Banken marschiert und problemlos einen Scheck nach dem anderen einlöst? Oder der in seiner Eitelkeit verletzte Affekttäter, der seinen vermeintlichen Freund brutal erschlägt und dann skrupellos dessen Leiche verschwinden lässt? Matt Damon vereint jeden dieser Wesenszüge glaubhaft in ein und derselben Person und erweist sich dank facettenreichem Spiel und fast knabenhaft anmutender Schüchternheit als absoluter Volltreffer. Sein stets opportunistisch handelnder Ripley verstrickt sich immer tiefer in einem Netz aus Lügen.

    „Ich hielt es immer für besser, jemand zu sein, der ich nicht bin, als ein x-beliebiger Niemand zu sein."

    Auch Jude Law, für seine Performance zu Recht für einen Golden Globe und Oscar als Bester Nebendarsteller nominiert, glänzt als braungebrannter Playboy, der mit Freude die Millionen seines reichen Vaters aus dem Fenster wirft. Dickie Greenleaf verkörpert jenen Luxus und jene sorgenfreie Dekadenz, nach der sich der stets strategisch vorgehende Tom sein Leben lang gesehnt hat.

    „Wir haben so ein hartes Programm und sind nur einen einzigen Tag hier." „Viel wichtiger ist die Frage, wohin wir essen gehen."

    Ripleys Homosexualität, die Highsmith im Roman nur andeutet, tritt im Film spätestens in der Badewannen-Sequenz offen zutage. Dass ausgerechnet der von Tom gelangweilte Frauenheld Dickie zum Objekt dessen sexueller Begierde wird, macht einen Konflikt zwischen den ungleichen Männern unausweichlich. Gwyneth Paltrow, die sich im Rahmen dieser Zuspitzung anfangs noch zurückhalten muss, komplettiert in ihrer Rolle als gedemütigte Freundin das Starensemble und bekommt in der zweiten Filmhälfte schließlich noch ausgiebig Gelegenheit, ihr Potential auszuschöpfen.

    Fazit: Die Adaption eines Patricia-Highsmith-Romans allein garantiert noch keinen gelungenen Film – doch sei es „Der Fremde im Zug" von Alfred Hitchcock, „Nur die Sonne war Zeuge" von René Clément oder „Der Amerikanische Freund" von Wim Wenders: Die meisten Leinwandumsetzungen sind eben doch immer einen Blick wert. Der 2008 verstorbene Anthony Minghella reiht sich nahtlos in die Reihe seiner prominenten Vorgänger ein und liefert mit „Der talentierte Mr. Ripley" ein fantastisch besetztes Drama vor italienischer Postkartenkulisse. Trotz leichter Schwächen verfolgt der Film bis zum Finale konsequent die eingeschlagene Linie und verzichtet weitestgehend auf klassische Thriller-Elemente und kriminalistische Winkelzüge. Mit „Deep Water" (Regie: Mike Nichols) steht die nächste Highsmith-Verfilmung übrigens schon in den Startlöchern.

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