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    Carrie
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Carrie
    Von Andreas Staben

    Brian De Palmas Teen-Horror-Klassiker „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ ist mittlerweile ein so fester Bestandteil der Popkultur, dass sich selbst in garantiert familienfreundlichen Filmen wie dem Pixar-Animationsspaß „Die Monster Uni“ eine Anspielung auf den berühmten fiesen (und für Kinder gänzlich ungeeigneten) Schweineblut-Showdown der Stephen-King-Adaption findet. Angesichts des langen Schattens von De Palmas virtuosem Durchbruchswerk von 1976 und der nicht minder legendären Buchvorlage empfiehlt sich für eine Neuverfilmung des Stoffes eine frische Perspektive – und genau die bringt Kimberly Pierce mit. Die Regisseurin von „Boys Don’t Cry“ macht aus ihrer Version von „Carrie“ ein zeitgemäß aufgepepptes Horror-Drama ohne mythologische Überhöhung und richtet die Ängste und Fantasien der jugendlichen Protagonisten stärker an der sozialen Realität von Highschool-Kids aus. Dabei geht weder die Modernisierung noch die Psychologisierung so richtig auf, aber dennoch entsteht eine eigenständige und durchaus sehenswerte Neuinterpretation mit eindrucksvollen, nicht zu dominanten Telekinese-Effekten und mit einer faszinierenden Darstellung der Titelfigur durch Jungstar Chloë Grace Moretz.

    Die 16-jährige Carrie White (Chloë Grace Moretz) ist eine Außenseiterin an der Highschool. Ihre fanatische Mutter Margaret (Julianne Moore) schottet sie mit religiösem Wahn von den Realitäten des Lebens ab und die Mitschüler mobben sie bei jeder Gelegenheit. Als Carrie nach dem Schulsport unter der Dusche ihre erste Regelblutung bekommt und in Panik gerät, weil sie nicht weiß, wie ihr geschieht, werfen die anderen Mädchen Tampons nach ihr und machen sich auf grausame Art über sie lustig, Chris Hargensen (Portia Doubleday) nimmt sogar  ein Handyvideo von der weinenden Carrie auf. Erst die Sportlehrerin Miss Desjardin (Judy Greer) beendet die Tortur und klärt das verwirrte Mädchen auf, von ihrer Mutter bekommt Carrie dagegen nur zu hören, dass sie gesündigt habe. Als Chris ihr Video ins Internet stellt und Miss Desjardin beleidigt, wird sie vom Abschlussball ausgeschlossen. Während die so Bestrafte gemeinsam mit ihrem delinquenten Freund Billy Nolan (Alex Russell) plant, sich an Carrie zu rächen, wird Sue Snell (Gabriella Wilde) nach dem Duschzwischenfall von schlechtem Gewissen geplagt. Sie verzichtet auf den Abschlussball und bittet ihren Freund Tommy Ross (Ansel Elgort) stattdessen mit Carrie zu gehen… 

    Seit dem Erscheinen von Stephen Kings erstem veröffentlichten Roman sind inzwischen fast 40 Jahre vergangen. Regisseurin Kimberly Pierce versucht nicht, diesen Umstand zu verschleiern und zeichnet vielmehr ein entschieden gegenwärtiges und betont realistisches Porträt des Highschool-Lebens. Hier halten nicht nur Smartphones und YouTube als zusätzliche Folterinstrumente Einzug in die Handlung, auch das delikate Verhältnis etwa zwischen letztlich machtlosen Lehrern und unkooperativen Eltern wird präzise in den Blick genommen. Für diesen Ansatz nimmt Pierce durchaus in Kauf, dass nicht alle Zusammenhänge bis ins letzte Detail schlüssig erscheinen. So mag es heute noch unwahrscheinlicher anmuten, dass eine 16-jährige Schülerin noch nie von der Menstruation gehört hat, zumal Carrie in der Bibliothek auch Zugang zu Computern hat. Und auch Chris‘ fehlendes Unrechtsbewusstsein („Wir haben nichts Falsches getan“) ist in dieser radikalen Form trotz eines vielsagenden Auftritts ihres Vaters wenig glaubhaft und scheint dramaturgischen Zwängen geschuldet. Gerade die Nebenfiguren bleiben teilweise auf dem halben Weg zwischen archetypischer Zuspitzung (die De Palma konsequent betrieb) und der hier klar angestrebten psychologischen Ausdifferenzierung stecken. Aber auch wenn man etwa das emotionale Dilemma von Gabriella Wildes („Die drei Musketiere“) Sue letztlich nur erahnt, so tut das dem zentralen Drama um Carrie kaum Abbruch.

    Im Zentrum auch dieser Neuverfilmung steht das Verhältnis zwischen Carrie und ihrer Mutter. Während Piper Laurie („Haie der Großstadt“) Margaret noch als fanatische Furie mit maliziösem Charme verkörperte und genau wie Sissy Spacek („Badlands“) als Carrie eine Oscar-Nominierung erhielt, betont Julianne Moore („Magnolia“) die psychischen Verwerfungen der Figur, die sich immer wieder selbst verletzt, kratzt und schneidet. Pierce eröffnet den Film nicht zufällig mit einer Prolog-Szene von Carries Geburt und zeigt Margarets nur mühsam unterdrückten Impuls, das Baby, das für sie die Frucht der Sünde ist, zu töten. Der aussichtslose Kampf zwischen übermächtigen religiösen Schuldgefühlen und der dennoch stets zu spürenden mütterlichen Liebe macht Margaret zu einer letztlich tragischen Figur. Der steht hier eine deutlich stärkere Carrie gegenüber als in De Palmas Film. Der „Hässliches Entlein“-Aspekt wird durch die Besetzung mit der charismatisch-fotogenen Chloë Moretz („Hugo Cabret“) von vornherein untergraben, gleichzeitig bekommt die Außenseitergeschichte damit einen besonderen Dreh, denn es geht genauso um Carries Selbstwahrnehmung wie um die Sicht der Anderen. Und wie das Mädchen sich am Anfang mit verschränkten Armen und hinter den Haaren verstecktem Gesicht gleichsam unsichtbar macht, steht in überaus wirkungsvollem Kontrast zur blutverschmierten, mächtig in die Lüfte erhobenen Gestalt mit den herausfordernd funkelnden Augen, die am Ende furchtbare Rache nimmt.

    So ist „Carrie“ so etwas wie eine aus dem Ruder laufende Coming-of-Age-Geschichte. Es beginnt mit einer üblichen Teenager-Rebellion, wenn Carrie ihrer Mutter schon recht bald nach dem erniedrigenden Erlebnis in der Schulumkleide argumentativ schlagende Widerworte gibt. Gleichzeitig fängt sie an, ihre Fähigkeit, Gegenstände allein durch Willenskraft zu bewegen, zu trainieren, das Anders-als-die-Anderen-Sein wird von nun an hauptsächlich an Carries übernatürliche Begabung geknüpft (die „X-Men“ lassen grüßen). Die unverhoffte Einladung zum Abschlussball durch den überaus beliebten Kapitän der Lacrosse-Mannschaft (Ansel Elgort ist als Tommy ein entwaffnend netter Kavalier) weckt dann auch nicht nur Teenie-Träumereien und ein paar Zurückweisungsängste in ihr, sie stärkt vor allem ihr Selbstbewusstsein. Und das finale Blutbad ist entsprechend ein strafendes Rachegericht und kein unkontrollierter Wutausbruch. Hier gibt es grausame Momente, in denen etwas von der sadistischen Brutalität von Moretz‘ Hit-Girl aus den „Kick-Ass“-Filmen durchscheint, aber im Gegensatz zu der sorglosen Gewalt in der Comic-Verfilmung macht Pierce das Abschlussball-Spektakel zu einer nicht etwa triumphalen, sondern schmerzhaften und tief ambivalenten Blutorgie. Bis auf wenige Spielereien (etwa wenn der Eimer mit dem Schweineblut gleich dreimal umkippt) behält sie den realistischen Stil des Films bei und auch die gut gemachten Effekte werden nicht überbetont: Der Horror bleibt innerlich.

    Fazit: Die Neuverfilmung von Stephen Kings „Carrie“ hat längst nicht die inszenatorische Brillanz der klassischen Brian-De-Palma-Version, ist aber aufgrund eines frischen, zeitgemäßen Ansatzes und der inneren Spannung durchaus sehenswert.

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